Drei Fragen an John Yoshio Naka (1995)

Interview und Bilder: Michael Kros

Dieses Interview wurde im September 1995 anlässlich der Tiroler Bonsaiausstellung in Brixen geführt.
Ursprünglich in der leider vergriffen Ausgabe 14 der BONSAI ART abgedruckt, hoffen wir es auf diesem Wege einer interessierten Öffentlichkeit leichter zugänglich zu machen.



Frage: Was denken Sie über die Bonsaiszene in Europa? Welche Unterschiede sehen Sie vor allem zu Japan?

Ich habe viele europäische Länder besucht und alle sind sehr verschieden.
Zuersteinmal denken die Menschen unterschiedlich. Als man außerhalb Japans mit Bonsai begann, hat man versucht, japanische Bonsai zu machen. Das hat sich jetzt geändert. Die Leute hier denken über Bonsai anders als in Japan.
Ein Beispiel: Japaner essen anders als Europäer. Weder das eine noch das andere ist besser, es ist nur anders. Genauso ist es mit dem, was man geistig aufnimmt und verarbeitet. Dadurch entsteht eine andere Basis für Bonsai.
Der zweite Unterschied liegt in den Bäumen. Einige europäische Länder importieren japanische Bonsai. Das ist auch in Ordnung. Das meine ich aber nicht, wenn ich von "Bonsai machen" spreche. Was ich meine, sind die Bonsai, die in Europa aus einheimischen Pflanzen gemacht werden. Und diese Pflanzen haben einen besonderen Charakter. Wenn man nun europäisches Bonsaimaterial mit japanischem vergleicht, ist es natürlich unterschiedlich. Versucht man mit europäischem Material den japanischen Stil zu kopieren, widerspricht das der natürlichen Charakteristik der Bäume.
Die Unterschiede liegen also sowohl in den Menschen als auch in den Bäumen, folglich müssen natürlich auch die Bäume unterschiedlich sein. Denn Bonsai ist kein natürlicher Baum, sondern ein von Menschen kultivierter. Das dadurch diese Unterschiede entstehen, finde ich wunderbar.
Aber es gibt auch etwas, was gleich ist: Überall gilt die gleiche Philosophie, nämlich daß wir im Bonsai die Natur bewundern. Wir gestalten die Natur in künstlerischer Weise, idealisieren und verschönern sie. Das ist überall gleich! Auch die Techniken lassen sich übertragen. Man darf nicht vergessen, daß sie in Japan einem ungeheuren Erfahrungsschatz entspringen. Diesen technischen Vorsprung sollten wir nutzen.

Frage: Was waren Ihrer Meinung nach die wichtigsten Veränderungen in der Gestaltung von Bonsai in den letzten Jahren?

Diese Frage wird mir überall gestellt! Die Japaner, auch die Chinesen, haben einen uns meistens unbekannten traditionellen Hintergrund. Sie haben vor Jahrhunderten aus sich heraus mit Bonsai angefangen und Bonsai nach ihrem Geschmack gestaltet. Bonsai hat sich von dort über die ganze Welt verbreitet, und es ist außerhalb von Japan oder China schwierig, die ganzen Hintergründe der Philosophie zu verstehen. Aber wie ich das einschätze, ist das Wesen von Bonsai auch für die Menschen der westlichen Welt zugänglich. Ich spreche dabei nicht von Qualität, denn Qualität ist Natürlichkeit, und die kommt mit der Zeit. Bonsai müssen altern, dann steigt auch ihre Reife. Wenn wir unsere Bonsai mit z.B. japanischen vergleichen, haben wir noch nicht diese Qualität. Denn die westliche Bonsaigeschichte ist noch nicht sehr alt, vielleicht 50 Jahre. Und sehen Sie sich das Ergebnis von nur 50 Jahren an!
Wenn ich nach Japan fahre, frage ich immer: "Wieviele Generationen haben an dieser Kiefer gearbeitet?" Die Antwort ist dann oft: 3-4 Generationen. In weiteren 2-3 Generationen werden wir diese Qualität auch erreicht haben.
Aber um die Frage zu beantworten: Ich denke, die moderne Bonsaikultur im Westen macht ihre Sache gut! Wir machen es sehr gut! Und wenn ich mir die Verbreitung von Bonsai ansehe, also welchen Zulauf Bonsai in der Welt hat, kann ich nur sagen, daß in Japan bzw. China nur wenige Menschen dazukommen. Aber überall außerhalb dieser Länder ist der Zuwachs enorm. Das ist ein Unterschied von 70-80 Prozent.

Frage: Wenn sich Bonsai außerhalb Japans so verbreitet, glauben Sie, daß es Auswirkungen auf die Ursprungsländer hat?

Ich bin auch ein Fremder in Japan, aber da ich Bonsai in der japanischen Tradition gelernt habe, kann ich beide Seiten sehen.
Ich habe damit angefangen, Bonsai zu lehren und zu verbreiten, bevor es die Japaner taten. Den Japanern habe ich gesagt, daß bei ihnen die Verantwortung dafür liegt, daß sich Bonsai in der Welt verbreitet. Aber die Art, wie in Japan Wissen weitergegeben wird, ist ganz anders als im Westen. In Japan ist und bleibt der Lehrer die Autorität und der Schüler bleibt immer sein Schüler. Ich selbst glaube nicht daran, aber durch dieses traditionelle Verhältnis wird es für Japan schwierig sein, sich zu einer anderen Art von Bonsai zu verhalten.

Herr Naka, wir danken Ihnen für das Gespräch.