Frage: Was denken Sie über die
Bonsaiszene in Europa? Welche Unterschiede sehen Sie vor allem zu
Japan?
Ich habe viele europäische Länder besucht und alle sind
sehr verschieden.
Zuersteinmal denken die Menschen unterschiedlich. Als man außerhalb
Japans mit Bonsai begann, hat man versucht, japanische Bonsai zu
machen. Das hat sich jetzt geändert. Die Leute hier denken
über Bonsai anders als in Japan.
Ein Beispiel: Japaner essen anders als Europäer. Weder das
eine noch das andere ist besser, es ist nur anders. Genauso ist
es mit dem, was man geistig aufnimmt und verarbeitet. Dadurch entsteht
eine andere Basis für Bonsai.
Der zweite Unterschied liegt in den Bäumen. Einige europäische
Länder importieren japanische Bonsai. Das ist auch in Ordnung.
Das meine ich aber nicht, wenn ich von "Bonsai machen"
spreche. Was ich meine, sind die Bonsai, die in Europa aus einheimischen
Pflanzen gemacht werden. Und diese Pflanzen haben einen besonderen
Charakter. Wenn man nun europäisches Bonsaimaterial mit japanischem
vergleicht, ist es natürlich unterschiedlich. Versucht man
mit europäischem Material den japanischen Stil zu kopieren,
widerspricht das der natürlichen Charakteristik der Bäume.
Die Unterschiede liegen also sowohl in den Menschen als auch in
den Bäumen, folglich müssen natürlich auch die Bäume
unterschiedlich sein. Denn Bonsai ist kein natürlicher Baum,
sondern ein von Menschen kultivierter. Das dadurch diese Unterschiede
entstehen, finde ich wunderbar.
Aber es gibt auch etwas, was gleich ist: Überall gilt die gleiche
Philosophie, nämlich daß wir im Bonsai die Natur bewundern.
Wir gestalten die Natur in künstlerischer Weise, idealisieren
und verschönern sie. Das ist überall gleich! Auch die
Techniken lassen sich übertragen. Man darf nicht vergessen,
daß sie in Japan einem ungeheuren Erfahrungsschatz entspringen.
Diesen technischen Vorsprung sollten wir nutzen.
Frage: Was waren Ihrer Meinung nach die wichtigsten
Veränderungen in der Gestaltung von Bonsai in den letzten Jahren?
Diese Frage wird mir überall gestellt! Die Japaner, auch die
Chinesen, haben einen uns meistens unbekannten traditionellen Hintergrund.
Sie haben vor Jahrhunderten aus sich heraus mit Bonsai angefangen
und Bonsai nach ihrem Geschmack gestaltet. Bonsai hat sich von dort
über die ganze Welt verbreitet, und es ist außerhalb
von Japan oder China schwierig, die ganzen Hintergründe der
Philosophie zu verstehen. Aber wie ich das einschätze, ist
das Wesen von Bonsai auch für die Menschen der westlichen Welt
zugänglich. Ich spreche dabei nicht von Qualität, denn
Qualität ist Natürlichkeit, und die kommt mit der Zeit.
Bonsai müssen altern, dann steigt auch ihre Reife. Wenn wir
unsere Bonsai mit z.B. japanischen vergleichen, haben wir noch nicht
diese Qualität. Denn die westliche Bonsaigeschichte ist noch
nicht sehr alt, vielleicht 50 Jahre. Und sehen Sie sich das Ergebnis
von nur 50 Jahren an!
Wenn ich nach Japan fahre, frage ich immer: "Wieviele Generationen
haben an dieser Kiefer gearbeitet?" Die Antwort ist dann oft:
3-4 Generationen. In weiteren 2-3 Generationen werden wir diese
Qualität auch erreicht haben.
Aber um die Frage zu beantworten: Ich denke, die moderne Bonsaikultur
im Westen macht ihre Sache gut! Wir machen es sehr gut! Und wenn
ich mir die Verbreitung von Bonsai ansehe, also welchen Zulauf Bonsai
in der Welt hat, kann ich nur sagen, daß in Japan bzw. China
nur wenige Menschen dazukommen. Aber überall außerhalb
dieser Länder ist der Zuwachs enorm. Das ist ein Unterschied
von 70-80 Prozent.
Frage: Wenn sich Bonsai außerhalb Japans
so verbreitet, glauben Sie, daß es Auswirkungen auf die Ursprungsländer
hat?
Ich bin auch ein Fremder in Japan, aber da ich Bonsai in der japanischen
Tradition gelernt habe, kann ich beide Seiten sehen.
Ich habe damit angefangen, Bonsai zu lehren und zu verbreiten, bevor
es die Japaner taten. Den Japanern habe ich gesagt, daß bei
ihnen die Verantwortung dafür liegt, daß sich Bonsai
in der Welt verbreitet. Aber die Art, wie in Japan Wissen weitergegeben
wird, ist ganz anders als im Westen. In Japan ist und bleibt der
Lehrer die Autorität und der Schüler bleibt immer sein
Schüler. Ich selbst glaube nicht daran, aber durch dieses traditionelle
Verhältnis wird es für Japan schwierig sein, sich zu einer
anderen Art von Bonsai zu verhalten.
Herr Naka, wir danken Ihnen für das
Gespräch.