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Einführung des Begriffes Bonsaieffekt
Mit Bonsaieffekt meine ich, dass man sich
bei Bonsai und seiner Präsentation die Unsicherheit der Wahrnehmung
(d.h. die unsichere menschliche Verortung in der Welt) zunutze macht.
Für alle unsere Wahrnehmungen brauchen wir Referenzen, d.h. Maßstäbe,
auf die wir uns beziehen können. Wenn wir keinen uns bekannten Gegenstand
(z.B. ein Haus) als Referenz für die Größe beispielsweise
eines Baumes auf einer großen Wiese haben, so ist es unmöglich,
die wirkliche Größe des Baumes einzuschätzen. Für
das, was wir aus der Nähe betrachten, ist meist unser eigener Körper
die Referenz.
(Auf Ausstellungen ist immer wieder zu beobachten, dass die Besucher die
Bonsai anfassen. Meiner Meinung nach hilft dieser körperliche Zugriff,
die Proportion klarzustellen.)

Konstruktion und Wahrheit im Bonsai
Die Gestaltung muß in ihrer Konstruktion
so sinnvoll und zwingend, d.h. wahr sein, dass sie in ihrer Plausibilität
die objektive Wahrheit (es handelt sich nur um eine kleine Pflanze) übertrifft.
Der Betrachter sieht dann nicht nur die Pflanze an sich, sondern setzt
sie ins Verhältnis zu seinen inneren Baumbildern. Da dieser über
eine höher oder geringer geschulte Kritikfähigkeit verfügt,
reicht dem Normalbürger, dessen inneres Bild eines Baumes meist einfach
ist, die chinesische Importware mit ihren grob gerasterten Elementen (Stamm,
Krone). Differenzierteren Zeitgenossen genügt aber nur ein Werk,
das beispielsweise die Qualität von Kimuras Arbeiten hat.
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Differenzierung der Stile
Die Gestaltung von Bonsai hat je nach Stilform
verschiedene Schwerpunkte. Bei einstämmigen Formen spielt der Stamm
die zentrale Rolle. Er ist im Gestaltungsprozeß (wenn man diesen
Begriff eher eng fasst) kaum zu verändern. Der Gestaltungsspielraum
bezieht sich im Wesentlichen auf die Äste, die der Stammform angepasst,
d.h., die der natürlichen Form des Stammes entsprechend
geformt und ausgerichtet werden. Je mehr Stämme ein Stil fordert,
um so mehr werden diese Stämme im formalen Sinne zu Ästen. Ihre
Ausrichtung und Positionierung zueinander wird nach Astaufbaukriterien
durchgeführt. Eine Floßform ist dafür das markanteste
Beispiel, weil in ihr tatsächlich Äste zu Stämmen werden.
Aber auch in der Waldform werden die Stämme in der flachen Schale
wie Äste an einem liegenden, halben Baum ausgerichtet. Der Astgestaltung
kommt also beim unmittelbaren gestalterischen Eingriff die entscheidende
Bedeutung zu.
Reife
Die Reife ist ein alles übergreifender
Begriff im Bonsai. Je ausgereifter ein Baum erscheint, um so mehr ist
er Bonsai. Reife kann nur durch jahrelange Entwicklungsprozesse entstehen
(Verfeinerungsphase). Zentrale Chiffren für Reife, die bereits im
Material enthalten sein können, sind z.B. Bewegung (enge Radien,
Brüche), integrierte Verwundungen (Jin, Shari, Saba-miki), Altersmerkmale
(Rinde, Farbe, geringer Zuwachs), starke und doch harmonische Verjüngungen
(dicker Stamm - geringe Höhe) und harmonische Übergänge
(V-förmige Linienführung). Alle Gestaltungsschritte zielen darauf
ab, in gegenüber dem natürlichen Ablauf abgekürzter Zeit,
diese Reifemerkmale zu erzeugen. Wabi (Schlichtheit, Einfachheit, Armut,
Kargheit, Reduktion) und Sabi (Würde, Reife, Gebrauchtheit, Patina)
sind in diesem Zusammenhang wichtige Begriffe.
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Natürlichkeit
Bonsai sind entgegen der Erwartung reine
Kunstprodukte. Sie sind keine Abbilder von Bäumen, nicht verkleinerte
Symbole der Natur, sondern Bonsai sind lebende pflanzliche Elemente in
der Kunstwelt, ein Versprechen von der Existenz des Naturschönen.
Wie alle Kunstwerke sind sie spezifisch kodifiziertes Naturschönes.
Seit sich im Bonsai ein Formgesetz herausgebildet hat, ist parallel zur
Kunstentwicklung im Westen auch in Japan ein autonomer Bonsaicode entstanden.
Die Weiterentwicklung dieser Formsprache entfernt sich in ihren avantgardistischen
Äußerungen immer mehr von den der Natur entlehnten Formen und
bezieht sich, vor allem durch weiterentwickelte technische Möglichkeiten,
immer mehr selbstreflexiv auf ihre eigene Geschichte. Natürlichkeit
wird so zu einer zweiter Ordnung: Das Naturschöne wird nicht einfach
reproduziert, sondern in der autonomen Bonsaisphäre erzeugt.
Ökologie
Ein der klassischen Ästhetik unzugänglicher
Begriff ist der der ökologischen Ästhetik. Bonsai lässt
gemäß Definition als lebende Pflanze nur eine begrenzte Manipulation
des natürlichen Materials zu. Die Grenze wird im unmittelbaren Gestaltungsprozess
jeweils neu erprobt. Würde sie überschritten, stürbe ein
Teil, im schlimmsten Falle die ganze Pflanze ab. Auch in der Bildhauerei
ist man an natürliche Grenzen gebunden (Stabilität des Materials).
Im Fall von Bonsai geht es aber nicht nur darum, die gegebenen physikalischen
Eigenschaften eines Materials zu bedenken, da sonst die Arbeit verdorben
wäre. Es müssen vielfältige Erfahrungen mit Belastungsmöglichkeiten
lebender Materie gemacht und Zeitabläufe respektiert werden. Der
Gestalter ist Teil der Gestaltung und diese bestimmt den Gestalter. Dadurch,
dass ein Bonsai nur diesen Namen trägt, solange er lebt, hat das
Leben den Vorrang vor allen künstlerischen Überlegungen. Das
heißt, Naturbeherrschung ist dem Überleben untergeordnet. Der
Gestaltungsprozess ist nicht nur vom Willen des Subjektes, sondern auch
von den Möglichkeiten des Materials abhängig. Das relativiert
die Vorstellung einer autonomen Sphäre, nicht in Bezug auf den menschlichen
Eingriff, sondern in ihrer Verortung im Naturprozess. Technik arbeitet
an der Grenze zwischen Kultur und Natur und strebt die Ausweitung der
autonomen Sphäre an.
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