Rezension aus Heft 33

Für Sie gelesen von Michael Exner
 
„Japan. The Art of Living“ und „Japan. Country Living“ von Amy Sylvester Katoh und Shin Kimura
 
Zwei schöne Bildbände sind diesmal zu besprechen. Obwohl sie in englischer Sprache verfaßt sind, vermitteln beide auch ohne große Fremdsprachenkenntnisse viel von der ruhigen Atmosphäre, die durch Elemente japanischer Architektur und Einrichtung hergestellt werden kann.
 
Ebenso wie der Band über das „Landleben Japans“ ist das Buch von Katoh und Kimura über “Die Kunst des Lebens in Japan” durchgängig vierfarbig gedruckt, im gleichen Format (28 cm x 23 cm) fast zweihundert Seiten stark und schön in Leinen gebunden. Beide Bücher (je zum Preis von DM 79.-) ähneln sich auf den ersten Blick. Sie lassen erkennen, daß die Autorin A. S. Katoh eine Liebe zu Textilien, speziell in den Farben Blau – Weiß, hat. Das erscheint nicht ungewöhnlich, denn sie betreibt in Tokio einen Laden in dem sie nach traditionellen Mustern selbst hergestellte Stoffe verkauft.
 
Damit sind die Ähnlichkeiten der beiden Bände aber auch schon aufgezählt. Inhaltlich sind sie sehr verschieden. “Japan. The Art of Living”, 1990 das erste Mal bei Tuttle erschienen, stellt auf über drei-hundert Fotos das Zuhause von Menschen vor, die in Japan leben. Damit sind nicht nur Japaner gemeint, sondern auch Menschen aus Europa und den USA. Katoh und Kimura dokumentieren in ihrem Buch einen aktuellen Einrichtungsstil, besser gesagt Einrichtungsstile, die eine Mischung aus traditionell japanischen, traditionell westlichen und modernen Elementen darstellen. Hier wird also nicht der klassische Tatamiraum behandelt, sondern die individuellen Versuche, westliche und östliche Wohnkultur zu mischen, und so ein den modernen Bedürfnissen entsprechendes Ambiente zu schaffen.
 
Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert. Den Fotos ist jeweils eine kurze Betrachtung zum Thema vorangestellt. Diese Texte betten die Bilder in den kulturellen Kontext Japans ein, sind für in der englischen Sprache Ungeübte jedoch nicht leicht zu verstehen. Die vielen Fotos und die ihnen beigesellten Erläuterungen verdeutlichen jedoch sehr gut das spezifisch Japanische an den verschiedenen Einrichtungsgegenständen.
 
Das erste Kapitel behandelt das Licht und den Raum. Die Autoren zeigen, daß das besondere Flair einer Wohnung durch den geschickten Umgang mit Licht, Schatten und dem Raum zusammenhängt. Die Bevorzugung des Schattens gegenüber dem Licht und die des leeren Raumes gegenüber dem angefüllten werden als zwei wichtige Merkmale japanischer Lebensart dargestellt. In den folgenden sechs Kapiteln werden bestimmte japanische Elemente, die ergänzend zu westlichen Möbeln das Interieur komplettieren, vorgestellt und in raffinierten Arrangements gezeigt. Traditionelle Möbel, japanische Textilien, Kunst und Volkskunst nebst deren Sammlung und Präsentation werden ebenso behandelt wie die gedeckte Tafel sowie Blumen- und jahreszeitliche Arrangements. Das letzte Kapitel widmet sich dem Gesamteindruck der Räume und stellt besonders gelungene Beispiele für die Integration westlicher und japanischer Elemente vor.
 
„Japan. The Art of Living“ ist ein Buch, das denjenigen, der Japan unter einem puristischen Blickwinkel betrachtet, nicht gefallen wird. Dieser Blick wird allerdings am konkreten Japan von heute nur noch wenig Wohlgefallen finden. Der Charme des Bildbandes liegt in seiner Haltung zu Tradition und Moderne, die leichthin vieles kombiniert, was manchem als Stilbruch erscheinen wird. Wer aber Ideen dazu sucht, wie er seinem Heim einen japanischen Touch geben kann, ohne auf die Bequemlichkeit z.B. eines Stuhles zu verzichten, findet in diesem Buch so manche Anregung.
 
Aber auch für die Puristen, die Japan vor allem um seiner traditionell zumeist ländlichen Schönheit willen lieben, haben Katoh/Kimura etwas Passendes. „Japan. Country Living“ hat sich ganz dem Landleben und dessen Ästhetik verschrieben. 1993 zum ersten Mal herausgegeben, liegt es mittlerweile in dritter Auflage vor. Auf über vierhundertfünfzig z.T. großformatigen Fotos ist vor allem das traditionelle Landleben eingefangen. Ausgezeichnete Bilder von den Bewohnern abgelegener Dörfer lassen etwas von der Einbindung dieser Menschen in Natur und Tradition spüren. Die Autoren sind in ganz Japan herumgereist und haben in isolierten Regionen des Landes das ursprüngliche Leben aufgespürt, so wie es vielleicht vor einhundert Jahren noch überall vorherrschte.
 
Dieser Bildband ist ein Kompendium der Kultur des japanischen Landlebens. In ihm findet man Details des Einfachen aber trotzdem Ästhetischen. Der Autorin merkt man ihre Begeisterung für das einfache, in die Tradition eingebundene Leben an.
 
Das Buch ist in fünf Kapitel unterteilt. Nach der Einleitung werden die Bauernhäuser auf dem Land beschrieben, danach die Art des Landlebens selbst in seiner Vielfältigkeit von Ackerbau bis Fischerei. Im vierten Kapitel werfen die Autoren einen Blick auf die Schönheit des alltäglichen Lebens im Haus. Sie stellen verschiedene Handwerke und die Kochkunst (sogar mit einigen Rezepten) vor. Das letzte Kapitel dreht sich ganz um Textilien und vor allem um das Indigo, die Farbe des Japanischen Landes.
 
Beide Bücher haben ihren Reiz. „Japan. The Art of Living“ ist vor allem zum praktischen Gebrauch gedacht. Es ist eine Fundgrube für den, der seiner Wohnung durch mehr oder weniger große Veränderungen eine asiatische Ausstrahlung verleihen möchte.
„Japan. Country Living“ hingegen ist ein Buch zum Träumen. Es zeigt, indem es am „häßlichen“ Japan vorbeischaut, die letzten Reste traditionellen bäuerlichen Lebens, in dem nichts das Auge beleidigt. Es zeigt eher den Wunsch als die Wirklichkeit einer heilen Welt, die es nicht mehr gibt und die es vielleicht nie gegeben hat. Aber warum soll man nicht auch manchmal träumen?