Rezension aus Heft 36


Für Sie gelesen von Michael Exner

„Vom Gartenbild zum Bildgarten. Japanische Gärten in Kyoto“ von Walter Müllhaupt

Vielleicht werden sie sich fragen: Warum schon wieder ein Gartenbuch? Erst in Ausgabe 31 wurden doch zwei Bücher über japanische Gärten besprochen. Die Gründe dafür liegen in der Aktualität (das Buch von Walter Müllhaupt ist gerade erst erschienen) und in der Art, wie hier die Kunst der Gartengestaltung rezipiert wird. Der Autor ist in der Lage, Prinzipien und Sichtweisen japanischer Gestaltungsästhetik durch ihre konkreten Techniken darzustellen und an vielen Beispielen zu belegen. Während der Lektüre hat man immer wieder „Aha-Erlebnisse“.
 
Der Untertitel ist insofern irreführend, als die Gärten Kyotos nicht eigentlich das Thema des Buches sind. Die Fotos dieser Gärten, die der Autor selbst in Japan gemacht hat, dienen der Illustration seiner undogmatischen Theorien über den japanischen Garten und seiner Elemente. Müllhaupt geht davon aus, daß der japanische Garten - anders als z.B. der europäische, insbesondere französische Garten – mit einem zu betrachtenden Bild (also einem vor uns stehenden Arrangement) zu vergleichen ist. Jener sei eher als ein strukturiertes Feld (eine vor uns liegende Fläche) zu verstehen. Sein Anliegen besteht darin, dem Leser und Betrachter dieses Buches die gestalterischen Prinzipien und Elemente japanischer Gärten zu vermitteln. Anders als in bisher beschriebenen Büchern versucht der Autor nicht, haarklein die verschiedenen Stile voneinander abzugrenzen, um dadurch möglichst genau die Gartenformen bestimmter geschichtlicher Epochen zu beschreiben. Er nähert sich dem Thema jedoch wohl mit einem kurzen Abriß über die “Geschichte und Komposition” der Gärten an, nimmt aber auch hier bereits die praktische Seite in den Blick. Prägende Gartenformen werden genannt, ihre Prinzipien und Elemente beschrieben.
 
Diese nur etwa zwanzig der insgesamt knapp 128 Seiten dieses Buches (DIN A4, Hardcover) dienen Müllhaupt wohl vor allem dazu, die Vielfalt der Gärten darzustellen und ihre Wandlungen im Laufe der Jahrhunderte zu illustrieren. Zu seinem eigentlichen Thema kommt er in Abschnitt B. Hier stellt er kurz und knapp dar, daß es sinnvoll ist, sich einen japanischen Garten als quasi dreidimensionale Gestaltung eines „Vorbildes” vorzustellen. Solche Vorbilder können z.B. Tuschezeichnungen einer schönen Landschaft sein. Wie auch ein Bild (oder Bonsai) will der Garten von einem bestimmten Punkt aus betrachtet werden. Auch wenn man in ihm spazierengehen kann, bieten sich dem Betrachter von definierten Punkten immer wieder neue, reizvoll arrangierte Einblicke. Wie in einer Bildkomposition wird dem Blick des Betrachters ein Vorder-, Mittel- und Hintergrund präsentiert. Auch das Gesichtsfeld des Menschen (214° horizontal und 135° vertikal) ist als Faktor in der Komposition mit berücksichtigt. Müllhaupt belegt auf verschiedenen Abbildungen die verblüffende Wirkung solcher Bildgärten auch dadurch, daß er durch Retuschen z.B. den Vordergrund verschwinden läßt, wodurch die räumliche Wirkung der gezeigten Komposition verlorengeht.
 
Um diese Landschaften in einem Garten zu realisieren, ist es nötig, Kenntnisse über die Wirkungen von Formen und Proportionen zu haben. In diesem Band sind auf komprimiertem Raum wesentliche Prinzipien der japanischen Gartengestaltung behandelt. Neben den bereits erwähnten (Standort des Betrachters, Vorder-, Mittel- und Hintergrund) findet man:
 
• Darstellung von alten Schriften und Überlieferungen
• Rahmen als rechteckiger Kontrast zu Bögen und Formen
• Perspektive und Perspektivumkehr
• Objektgröße und Raum
• Enge und Weite
• Überschneidungen und Verdeckungen
• Vermeiden von Parallelitäten
• Durchmischung der Prinzipien
 
Mit diesen aus der Analyse von bestehenden Gärten gewonnenen Prinzipien stellt der Autor die gestalterischen Werkzeuge vor, mit denen die klassischen Elemente des japanischen Gartens arrangiert werden.
 
Den Teegarten, der ja nicht Selbstzweck sondern in seiner Funktion für die Teezeremonie zu sehen ist, behandelt der Autor in einem eigenen Kapitel. Wasserschöpfbecken (die verschiedenen Formen und auch wie sie aufgestellt werden), Trittsteine und Laternen sind darin die wichtigsten Elemente.
Als weitere Elemente des Gartens werden Pagoden und natürlich die verschiedenen Formen der Steinsetzung vorgestellt. Wie man Steine aussucht und plaziert, ist eine zentrale Frage bei der Anlage japanischer Gärten. Müllhaupt klassifiziert und kategorisiert auch hier die unüberschaubar vielen Regeln, Hinweise und Tabus. Ob es dabei um Steine für Wasserfälle, Brücken, Teichränder oder klassische mythologische Steinsetzungen geht, immer trennt der Autor das wirklich Wichtige vom Detail und hilft so dem Leser zu ersten Orientierungen für seine eigenen gestalterischen Versuche.
 
Dieses Buch ist ungewöhnlich. Es kommt fast wie ein Bildband daher, entpuppt sich aber als z.T. ganz konkrete Handreichung, um selbst Elemente des japanischen Gartens in den eigenen Garten zu integrieren. Durch die separate Behandlung verschiedener Elemente kann man sich z.B. leicht entscheiden, ein Wasserschöpfbecken selbst aufzubauen. Man weiß nach der Lektüre dieses Buches genau, was dazu nötig ist und wie es funktioniert. Müllhaupt ist es auch gelungen, die für unser westliches Verstehen so notwendigen Kausalzusammenhänge zwischen Gestaltung und Wirkung aufzuzeigen. Diese sind für unbedarfte Betrachter eines Gartens nicht eben leicht zu erschließen. Er hat damit nicht nur ein schönes, sondern auch sehr brauchbares Buch zur Gartengestaltung geschrieben. Selbst der Bonsailiebhaber wird darin für seine Leidenschaft erhellende Einsichten gewinnen.