Für Sie gelesen von Michael Exner
„Vom Gartenbild zum Bildgarten. Japanische Gärten in Kyoto“ von Walter Müllhaupt
Vielleicht werden
sie sich fragen: Warum schon wieder ein Gartenbuch? Erst in Ausgabe 31 wurden
doch zwei Bücher über japanische Gärten besprochen. Die Gründe
dafür liegen in der Aktualität (das Buch von Walter Müllhaupt
ist gerade erst erschienen) und in der Art, wie hier die Kunst der Gartengestaltung
rezipiert wird. Der Autor ist in der Lage, Prinzipien und Sichtweisen japanischer
Gestaltungsästhetik durch ihre konkreten Techniken darzustellen und an
vielen Beispielen zu belegen. Während der Lektüre hat man immer wieder
„Aha-Erlebnisse“.
Der Untertitel ist insofern irreführend, als die Gärten Kyotos nicht
eigentlich das Thema des Buches sind. Die Fotos dieser Gärten, die der
Autor selbst in Japan gemacht hat, dienen der Illustration seiner undogmatischen
Theorien über den japanischen Garten und seiner Elemente. Müllhaupt
geht davon aus, daß der japanische Garten - anders als z.B. der europäische,
insbesondere französische Garten – mit einem zu betrachtenden Bild (also
einem vor uns stehenden Arrangement) zu vergleichen ist. Jener sei eher als
ein strukturiertes Feld (eine vor uns liegende Fläche) zu verstehen. Sein
Anliegen besteht darin, dem Leser und Betrachter dieses Buches die gestalterischen
Prinzipien und Elemente japanischer Gärten zu vermitteln. Anders als in
bisher beschriebenen Büchern versucht der Autor nicht, haarklein die verschiedenen
Stile voneinander abzugrenzen, um dadurch möglichst genau die Gartenformen
bestimmter geschichtlicher Epochen zu beschreiben. Er nähert sich dem Thema
jedoch wohl mit einem kurzen Abriß über die “Geschichte und Komposition”
der Gärten an, nimmt aber auch hier bereits die praktische Seite in den
Blick. Prägende Gartenformen werden genannt, ihre Prinzipien und Elemente
beschrieben.
Diese nur etwa zwanzig der insgesamt knapp 128 Seiten dieses Buches (DIN A4,
Hardcover) dienen Müllhaupt wohl vor allem dazu, die Vielfalt der Gärten
darzustellen und ihre Wandlungen im Laufe der Jahrhunderte zu illustrieren.
Zu seinem eigentlichen Thema kommt er in Abschnitt B. Hier stellt er kurz und
knapp dar, daß es sinnvoll ist, sich einen japanischen Garten als quasi
dreidimensionale Gestaltung eines „Vorbildes” vorzustellen. Solche Vorbilder
können z.B. Tuschezeichnungen einer schönen Landschaft sein. Wie auch
ein Bild (oder Bonsai) will der Garten von einem bestimmten Punkt aus betrachtet
werden. Auch wenn man in ihm spazierengehen kann, bieten sich dem Betrachter
von definierten Punkten immer wieder neue, reizvoll arrangierte Einblicke. Wie
in einer Bildkomposition wird dem Blick des Betrachters ein Vorder-, Mittel-
und Hintergrund präsentiert. Auch das Gesichtsfeld des Menschen (214°
horizontal und 135° vertikal) ist als Faktor in der Komposition mit berücksichtigt.
Müllhaupt belegt auf verschiedenen Abbildungen die verblüffende Wirkung
solcher Bildgärten auch dadurch, daß er durch Retuschen z.B. den
Vordergrund verschwinden läßt, wodurch die räumliche Wirkung
der gezeigten Komposition verlorengeht.
Um diese Landschaften in einem Garten zu realisieren, ist es nötig, Kenntnisse
über die Wirkungen von Formen und Proportionen zu haben. In diesem Band
sind auf komprimiertem Raum wesentliche Prinzipien der japanischen Gartengestaltung
behandelt. Neben den bereits erwähnten (Standort des Betrachters, Vorder-,
Mittel- und Hintergrund) findet man:
• Darstellung von alten Schriften und Überlieferungen
• Rahmen als rechteckiger Kontrast zu Bögen und Formen
• Perspektive und Perspektivumkehr
• Objektgröße und Raum
• Enge und Weite
• Überschneidungen und Verdeckungen
• Vermeiden von Parallelitäten
• Durchmischung der Prinzipien
Mit diesen aus der Analyse von bestehenden Gärten gewonnenen Prinzipien
stellt der Autor die gestalterischen Werkzeuge vor, mit denen die klassischen
Elemente des japanischen Gartens arrangiert werden.
Den Teegarten, der ja nicht Selbstzweck sondern in seiner Funktion für
die Teezeremonie zu sehen ist, behandelt der Autor in einem eigenen Kapitel.
Wasserschöpfbecken (die verschiedenen Formen und auch wie sie aufgestellt
werden), Trittsteine und Laternen sind darin die wichtigsten Elemente.
Als weitere Elemente des Gartens werden Pagoden und natürlich die verschiedenen
Formen der Steinsetzung vorgestellt. Wie man Steine aussucht und plaziert, ist
eine zentrale Frage bei der Anlage japanischer Gärten. Müllhaupt klassifiziert
und kategorisiert auch hier die unüberschaubar vielen Regeln, Hinweise
und Tabus. Ob es dabei um Steine für Wasserfälle, Brücken, Teichränder
oder klassische mythologische Steinsetzungen geht, immer trennt der Autor das
wirklich Wichtige vom Detail und hilft so dem Leser zu ersten Orientierungen
für seine eigenen gestalterischen Versuche.
Dieses Buch ist ungewöhnlich. Es kommt fast wie ein Bildband daher, entpuppt
sich aber als z.T. ganz konkrete Handreichung, um selbst Elemente des japanischen
Gartens in den eigenen Garten zu integrieren. Durch die separate Behandlung
verschiedener Elemente kann man sich z.B. leicht entscheiden, ein Wasserschöpfbecken
selbst aufzubauen. Man weiß nach der Lektüre dieses Buches genau,
was dazu nötig ist und wie es funktioniert. Müllhaupt ist es auch
gelungen, die für unser westliches Verstehen so notwendigen Kausalzusammenhänge
zwischen Gestaltung und Wirkung aufzuzeigen. Diese sind für unbedarfte
Betrachter eines Gartens nicht eben leicht zu erschließen. Er hat damit
nicht nur ein schönes, sondern auch sehr brauchbares Buch zur Gartengestaltung
geschrieben. Selbst der Bonsailiebhaber wird darin für seine Leidenschaft
erhellende Einsichten gewinnen.