Rezension aus Heft 37


Für Sie gelesen von Michael Exner
 
„Penjing: Worlds of Wonderment“ von Quingquan Zhao
 
Als Karin Albert, Verlegerin des Buches, zum BONSAI ART-Stand auf der Jahresausstellung des Deutschen Bonsai-Clubs kam, konnte ich sofort ihren Enthusiasmus spüren. Sie schien „missionarisch“ unterwegs zu sein. Als sie anfing, von Herrn Zhao und seinem Buch zu erzählen, war auch ich schnell angesteckt von ihrer Begeisterung, und beschloß, mir dieses Penjing-Buch einmal genauer anzusehen.
 
Dieses Buch ist etwas größer als DIN A4 im Querformat, hat 144 Seiten voller Bilder (vor allem Farbfotos, aber auch Tuschezeichnungen) und es ist leider nur in englischer Sprache verfügbar. Es ist in ein Vorwort, eine Galerie und acht Kapitel gegliedert. Neben dem interessanten historischen Teil, der deutlich macht, daß die spezielle Form des Penjing, die Herr Zhao im wesentlichen in seinem Buch vorstellt, sich erst in den letzen zwanzig Jahren entwickelt hat, geht er auch auf die Baum-Penjing und Penjing-Landschaften ein. Baum-Penjing haben ihre Entsprechung im uns wohlbekannten japanischen Bonsai. Die im Buch abgebildeten Bäume haben allerdings lange nicht den Verfeinerungsgrad erreicht, der in Japan heute Standard ist. Die Penjing-Landschaften sind durch die Dominanz der Felsen in einem Ensemble charakterisiert. Pflanzen kommen in dieser Form auch vor, treten aber im Verhältnis zu den Felsen völlig in den Hintergrund. Das ist einleuchtend, da ja eine ganze Landschaftsszenerie dargestellt werden soll, und die dadurch notwendig weite Perspektive läßt alles Grün in eine subalterne Position rutschen.
 
Das sicherlich wichtigste Kapitel behandelt die Wasser-und-Land-Penjing. Hier sind die Steine den Bäumen untergeordnet und bilden nur ein Element des Arrangements. Für diese neue Form des Penjing, die eine möglichst natürliche Szenerie, aus einer mittleren Distanz betrachtet, nachempfindet, führt Herr Zhao einige Kategorien ein, nach denen man diese Penjing klassifizieren kann. Am interessantesten schienen mir dabei die verschiedenen Typen von Wasser-und-Land-Penjing zu sein. Die fünf hauptsächlich verwendeten Typen sind:
 
• Am Rande des Wassers
• Insel
• Schlucht
• Fluß oder See
• kombinierter Typ
 
Diese verschiedenen Stilformen erzeugen durch die Anordnung von hohen oder flachen Felsen, Bäumen und Freiräumen sehr unterschiedliche Szenerien, die, wenn man sein Metier so gut beherrscht wie Herr Zhao, den Betrachter sofort in seinen Bann ziehen. Um die Proportionen zu akzentuieren, werden in diesen Arrangements auch Figuren verwendet. Oft sind es aus Ton geformte Menschen oder Tiere, die die sie überragenden Pflanzen und Steine erst zu beeindruckenden Bäumen und Felsen anwachsen lassen. Auch Hütten oder Kähne werden verwendet, um z.B. eine größere Distanz zwischen Beobachter und Szene zu suggerieren.
 
Nach dieser allgemeinen Einführung diskutiert Herr Zhao die verschiedenen notwendigen Materialien. Er selbst verwendet häufig flache Marmortabletts (auch Suiban sind möglich) auf denen er die Bäume, Steine, Beipflanzen und Figuren anordnet. Dabei beschreibt der Autor sehr genau, worauf es bei den einzelnen Elementen ankommt. Dabei wird auch klar, daß es nicht um Natürlichkeit im Sinne von „unangetastet durch den Menschen“ geht. Herr Zhao legt zwar Wert auf eine natürliche Ausstrahlung der Materialien, die wird aber vor allem durch die angepaßten Proportionen erreicht. Folgerichtig bearbeitet er nicht nur die Pflanzen, sondern auch die Steine, wenn sie zu „unnatürlich“ aussehen. Wie man Steine bearbeitet, und wie man ein Wasser-und-Land-Penjing anlegt, wird in gut nachvollziehbaren Schritten dargestellt.
 
Dieser praktische Teil ist allerdings eher kurz gehalten, denn der Autor geht von einem Leser aus, der bereits Erfahrungen mit Bonsai gesammelt hat. Sein Hauptaugenmerk gilt der Vermittlung der spezifisch chinesischen Sichtweise auf die Natur und der daraus folgenden besonderen Darstellung im Penjing. Dazu läßt er den Leser in seine ästhetische „Trickkiste“ schauen, und erläutert anhand von Tuschezeichnungen, wie es dazu kommt, daß eine Landschaft schön und natürlich aussieht.
 
Das Buch von Herrn Zhao ist eine wichtige Ergänzung zur bisher vorhandenen Literatur über Bonsai und Penjing. Es erinnerte mich an die Begeisterung, die mich und wahrscheinlich uns alle, am Anfang unserer Beschäftigung mit Bonsai erfaßt hat. Die perfekte kleine Szene, in der ich mich anstelle der kleinen Tonfigur unter dem Baum am Fluß habe sitzen und angeln sehen. Durch dieses Buch werden auch Sie wieder in diese träumerische Stimmung kommen und sich überlegen, ob nicht auf Ihrem Fensterbrett ein Wasser-und-Land-Penjing Platz finden könnte. Es ist auch ein durchaus überzeugendes Gegengewicht zu den eher „hellwachen“, manchmal vielleicht etwas strengen Bonsaiformen.
 
Wer noch weitere Informationen zu diesem Buch, das in den USA als eine der wichtigsten Neuerscheinungen gilt, haben möchte, wird im Internet auf der Homepage von Venus Com-muni-ca-tions fündig (http://www.venuscomm.com).