Für Sie gelesen von Michael Exner
„Penjing: Worlds of Wonderment“ von Quingquan Zhao
Als Karin Albert, Verlegerin des Buches, zum BONSAI
ART-Stand auf der Jahresausstellung des Deutschen Bonsai-Clubs kam, konnte ich
sofort ihren Enthusiasmus spüren. Sie schien „missionarisch“ unterwegs
zu sein. Als sie anfing, von Herrn Zhao und seinem Buch zu erzählen, war
auch ich schnell angesteckt von ihrer Begeisterung, und beschloß, mir
dieses Penjing-Buch einmal genauer anzusehen.
Dieses Buch ist etwas größer als DIN A4 im Querformat, hat 144 Seiten
voller Bilder (vor allem Farbfotos, aber auch Tuschezeichnungen) und es ist
leider nur in englischer Sprache verfügbar. Es ist in ein Vorwort, eine
Galerie und acht Kapitel gegliedert. Neben dem interessanten historischen Teil,
der deutlich macht, daß die spezielle Form des Penjing, die Herr Zhao
im wesentlichen in seinem Buch vorstellt, sich erst in den letzen zwanzig Jahren
entwickelt hat, geht er auch auf die Baum-Penjing und Penjing-Landschaften ein.
Baum-Penjing haben ihre Entsprechung im uns wohlbekannten japanischen Bonsai.
Die im Buch abgebildeten Bäume haben allerdings lange nicht den Verfeinerungsgrad
erreicht, der in Japan heute Standard ist. Die Penjing-Landschaften sind durch
die Dominanz der Felsen in einem Ensemble charakterisiert. Pflanzen kommen in
dieser Form auch vor, treten aber im Verhältnis zu den Felsen völlig
in den Hintergrund. Das ist einleuchtend, da ja eine ganze Landschaftsszenerie
dargestellt werden soll, und die dadurch notwendig weite Perspektive läßt
alles Grün in eine subalterne Position rutschen.
Das sicherlich wichtigste Kapitel behandelt die Wasser-und-Land-Penjing. Hier
sind die Steine den Bäumen untergeordnet und bilden nur ein Element des
Arrangements. Für diese neue Form des Penjing, die eine möglichst
natürliche Szenerie, aus einer mittleren Distanz betrachtet, nachempfindet,
führt Herr Zhao einige Kategorien ein, nach denen man diese Penjing klassifizieren
kann. Am interessantesten schienen mir dabei die verschiedenen Typen von Wasser-und-Land-Penjing
zu sein. Die fünf hauptsächlich verwendeten Typen sind:
• Am Rande des Wassers
• Insel
• Schlucht
• Fluß oder See
• kombinierter Typ
Diese verschiedenen Stilformen erzeugen durch die Anordnung von hohen oder flachen
Felsen, Bäumen und Freiräumen sehr unterschiedliche Szenerien, die,
wenn man sein Metier so gut beherrscht wie Herr Zhao, den Betrachter sofort
in seinen Bann ziehen. Um die Proportionen zu akzentuieren, werden in diesen
Arrangements auch Figuren verwendet. Oft sind es aus Ton geformte Menschen oder
Tiere, die die sie überragenden Pflanzen und Steine erst zu beeindruckenden
Bäumen und Felsen anwachsen lassen. Auch Hütten oder Kähne werden
verwendet, um z.B. eine größere Distanz zwischen Beobachter und Szene
zu suggerieren.
Nach dieser allgemeinen Einführung diskutiert Herr Zhao die verschiedenen
notwendigen Materialien. Er selbst verwendet häufig flache Marmortabletts
(auch Suiban sind möglich) auf denen er die Bäume, Steine, Beipflanzen
und Figuren anordnet. Dabei beschreibt der Autor sehr genau, worauf es bei den
einzelnen Elementen ankommt. Dabei wird auch klar, daß es nicht um Natürlichkeit
im Sinne von „unangetastet durch den Menschen“ geht. Herr Zhao legt zwar Wert
auf eine natürliche Ausstrahlung der Materialien, die wird aber vor allem
durch die angepaßten Proportionen erreicht. Folgerichtig bearbeitet er
nicht nur die Pflanzen, sondern auch die Steine, wenn sie zu „unnatürlich“
aussehen. Wie man Steine bearbeitet, und wie man ein Wasser-und-Land-Penjing
anlegt, wird in gut nachvollziehbaren Schritten dargestellt.
Dieser praktische Teil ist allerdings eher kurz gehalten, denn der Autor geht
von einem Leser aus, der bereits Erfahrungen mit Bonsai gesammelt hat. Sein
Hauptaugenmerk gilt der Vermittlung der spezifisch chinesischen Sichtweise auf
die Natur und der daraus folgenden besonderen Darstellung im Penjing. Dazu läßt
er den Leser in seine ästhetische „Trickkiste“ schauen, und erläutert
anhand von Tuschezeichnungen, wie es dazu kommt, daß eine Landschaft schön
und natürlich aussieht.
Das Buch von Herrn Zhao ist eine wichtige Ergänzung zur bisher vorhandenen
Literatur über Bonsai und Penjing. Es erinnerte mich an die Begeisterung,
die mich und wahrscheinlich uns alle, am Anfang unserer Beschäftigung mit
Bonsai erfaßt hat. Die perfekte kleine Szene, in der ich mich anstelle
der kleinen Tonfigur unter dem Baum am Fluß habe sitzen und angeln sehen.
Durch dieses Buch werden auch Sie wieder in diese träumerische Stimmung
kommen und sich überlegen, ob nicht auf Ihrem Fensterbrett ein Wasser-und-Land-Penjing
Platz finden könnte. Es ist auch ein durchaus überzeugendes Gegengewicht
zu den eher „hellwachen“, manchmal vielleicht etwas strengen Bonsaiformen.
Wer noch weitere Informationen zu diesem Buch, das in den USA als eine der wichtigsten
Neuerscheinungen gilt, haben möchte, wird im Internet auf der Homepage
von Venus Com-muni-ca-tions fündig (http://www.venuscomm.com).