Für Sie gelesen von Michael Exner
„The best of Bonsai in Europe 2“, herausgegeben von Danny Use und René Rooswinkel, und „Suiseki. The best of Europe. Volume 1“, herausgegeben von Pius Notter
Zweimal nur das Beste Europas. Diese Ankündigung hat mich natürlich gereizt, mir die beiden neu erschienenen Bildbände einmal genauer anzusehen. Der eine ist das zweite Buch in der Reihe der Kataloge des Ginkgo-Bonsai-Award, der alle zwei Jahre von Danny Use in Belgien veranstaltet wird. Dieses Buch dokumentiert die 1999 ausgestellten Bonsai. Der andere Bildband zeigt die Suiseki-Ausstellung, die parallel zur nationalen Bonsai-Ausstellung der Schweiz ebenfalls 1999 stattfand.
In meiner Rezension des ersten Bandes dieser Reihe vor genau zwei Jahren habe ich der Hoffnung Ausdruck gegeben, die Qualität des zweiten Buches dieser Reihe möge der Qualität der ausgestellten Bäume entsprechen. Damals war ich enttäuscht davon, dass hochklassige Bonsai nur mittelmäßig abgebildet worden waren. Der vorliegende zweite Bildband ist nun wirklich eine würdige Dokumentation der „2. Europäischen Bonsai Ausstellung“.
Bevor ich zu eher inhaltlichen Aspekten dieses Bildbandes komme, hier nur kurz einige formale Daten: Anders als der erste Band hat der zweite ein Hardcover, das Format von ca. DIN A4 wurde jedoch beibehalten. Die 128 Seiten gliedern sich in einige Seiten mit Vorwort und Überblickfotos aus der Ausstellung. Danach werden die für den Ginkgo-Bonsai-Award nominierten fünfzehn Bonsai sowie drei Shohin-Arrangements abgebildet. Diesem Teil folgen fast 90 Seiten mit den Bonsai, die auf der europäischen Ausstellung präsentiert worden sind. Am Ende des Buches sind noch die Bonsai des belgischen Clubs „Kei Bonsai Kai“ und einige handgearbeitete Schalen europäischer Töpfer gezeigt. Wie gesagt, ist die Bildqualität sehr gut. Das Buch hat einen Schuber und wird für DM 88,00 angeboten.
Nun zum Inhalt. Farrand Bloch, der für das Layout verantwortlich zeichnet, wählte einen hellen Olivton als Grundfarbe für die Seiten. Die Hintergründe für die einzelnen Bäume sind schwarz, so dass durch den Kontrast der Eindruck von Tiefe entsteht. Man schaut gleichsam wie durch ein Fenster bzw. wie durch einen hellen Rahmen in einen dunklen Raum, in dem ein beleuchteter Baum steht. Dieser Effekt hat einen weiteren Vorteil: Der schwarze Hintergrund der Bonsai füllt bei Bäumen, deren Verzweigungsdichte noch nicht sehr hoch ist, optisch die zu „dünne“ Krone ein wenig auf. Ein beliebter Trick beim Fotografieren von Bonsai. Hier weist er aber auch darauf hin, dass selbst manche der ausgezeichneten Bäume zwar eine starke, z.T. sogar dramatische Wirkung auf den Betrachter ausüben, ihre Reife aufgrund alter Stämme auch schon weit fortgeschritten erscheint, die Bearbeitungszeit jedoch oft erst einige Jahre beträgt. Keiner der prämierten Bonsai war länger als zehn Jahre in Arbeit, die meisten nur drei bis fünf Jahre. Danny Use spricht in seinem Vorwort davon, dass das Niveau europäischer Bonsai nahezu das japanischer erreicht habe. Ich denke, dass man in vielerlei Hinsicht eine solche Position durchaus teilen kann, wenn man nicht vergisst, dass Bonsai erst durch jahre-, vielleicht jahrzehntelange Kultur zu den würdigen Baumveteranen werden, die sie bis dahin nur vorgeben zu sein.
Auch in dem anderen Bildband, den ich hier vorstellen möchte, wird ein hoher Anspruch behauptet. Zuerst aber auch hier einige Daten. Von den 95 Seiten des Buches werden auf 78 Seiten Betrachtungssteine in ausgezeichneter Bildqualität dargestellt. Dabei sind jeweils zwei Suiseki pro Seite abgebildet. Davor sind einige Grußworte, unter anderem von Herrn Matsuura, den Sie aus unserer Suiseki-Rubrik kennen, abgedruckt. Bei den obligatorischen „Bildern einer Ausstellung“ fällt auf, dass neben wichtigen Personen der europäischen Bonsai- und Suiseki-Szene auf elf von zwölf Bildern der Herausgeber dieses Buches zu sehen ist. Das Buch ist ebenfalls im DIN A4 Format, jedoch mit aufwendiger Leinenbindung und Goldprägung auf dem Deckel versehen. Ein Schuber ergänzt die hochwertige Ausstattung.
Nun gut, was ist mir sonst noch aufgefallen? Für Suisekifreunde ist nach meiner Kenntnis von einigem Interesse, woher die ausgestellten Steine stammen. Leider wird zu jedem der Fotos nur die Kategorie des Steines (also z.B. Wasserfallstein oder Plateaustein), der Name des Besitzers und dessen Heimatland aufgeführt. Weder die so wichtigen Maße, noch der Fundort bzw. die Herkunft des Steines werden erwähnt. So wird auch nicht ersichtlich, welcher der Betrachtungssteine in einem europäischen Land entdeckt und seitdem gepflegt wurde. Abgesehen von diesem Informationsmangel vermitteln die Fotos allerdings eine beeindruckende ästhetische Qualität der ausgestellten Suiseki. Auch die Präsentation der Steine, die in vielen Fällen auf handgearbeiteten Dai ruhen, ist ausgezeichnet. Gerade in der Konzeption und Ausführung eines speziellen Dai für einen Suiseki liegt ein gestalterisches Element in der Kunst des Suiseki.
Es ist bei beiden vorgestellten Bildbänden nicht zu leugnen, dass ihre Vorbilder in Japan bzw. Ostasien zu suchen sind. Der Ginkgo-Bonsai-Award nimmt sich explizit die prestigeträchtige Kokufu-Bonsai-Ten zum Maßstab und auch die Europäische Suiseki Ausstellung orientiert sich an Asien. Hervorzuheben ist die Anstrengung solcher Veranstaltungen, verschiedene Vorstellungen zu Bonsai oder Suiseki zusammenzuführen, wie sie in Europa herrschen. Der gemeinsame Nenner scheint doch immer noch mit asiatischen Leitbildern herzustellen zu sein. Derartige Veranstaltungen tragen, wenn sie konsequent weitergeführt werden, zu einer immer stärker werdenden eigenständigen Tradition bei. Deshalb sind die hier besprochenen Bücher wichtige Meilensteine auf dem Weg zu europäischen Bonsai und Suiseki.