Rezension
aus Heft 43
Für Sie gelesen von Michael Exner
„Die Gärten Japans“ von Teiji Itoh
In Heft 41 habe ich an dieser Stelle das Buch von M. P. Keane “Gestaltung Japanischer Gärten” vorgestellt und hoch gelobt. Mit viel Einsicht hat dieser Mensch des Westens die Gartenwelt Japans unserem Verständnis näher gebracht. Das nun zu rezensierende Buch ist auf demselben fachlichen Level angesiedelt und doch von ganz anderer Art. Der überaus prächtige Bildband von Teiji Itoh beeindruckt mit seinen gestochen scharfen Fotos und der in westlicher Analysefähigkeit geschulten, aber dennoch ganz in der eigenen Geschichte wurzelnden Kenntnis japanischer Kultur.
Auffallend und gleichzeitig faszinierend ist die Fähigkeit Japans, fremde Einflüsse in ihre eigene Kultur zu integrieren, ohne die eigene Identität dabei wirklich zu verändern.Die japanische Gartenkunst gilt als einmalig auf der Welt, ist jedoch nicht ohne importiertes Gedankengut, wie z.B. den Buddhismus, der ja bekanntlich aus China über Korea nach Japan kam, zu verstehen. Itoh hat eine These dazu, wie dieser Widerspruch verstanden werden kann. Sie ist verblüffend: Japan habe das Wesen des Fremden konsequent missverstanden oder auch einfach in Bezug auf sein Selbstverständnis hin umgedeutet. Anhand dieser These, die er an Textquellen belegt, zeigt der Autor die systematische Umarbeitung chinesischer bzw. koreanischer Einflüsse auf die Kultur Japans. Fengshui, eine aus China stammende geomantische Philosophie, die ja in den letzten Jahren auch im Westen immer mehr bekannt wird und in der Architektur Bedeutung gewonnen hat, wurde im Japan des 10. Jahrhunderts einer besonderen Umarbeitung unterworfen. Die ideale Lage eines Wohnhauses war aufgrund verschiedenster Anforderungen kaum je zu realisieren (im Norden ein Berg/Schildkröte, im Osten ein Fluß/Drache, im Westen eine Straße/Tiger und im Süden ein Teich/Phönix). Die bedeutsamen Fengshui-Elemente ersetzte man in Japan durch eine jeweils definierte Anzahl verschiedener Baumarten (der Berg im Norden wurde z.B. durch drei Zypressen ersetzt). Diese „japanisierte“ Fengshui-Form wurde möglich, weil Bäume Inkarnationen der Götter waren. Ideelles Fremdes wurde so auf japanische Weise materiell konkret. Dieses Verständnis japanischer Assimilationsfähigkeit löst in mir die Frage aus, ob nur in Japan der Umgang und die Integration des Fremden auf diese Weise vor sich geht oder ob nicht unsere Rezeption des „Japanischen“ in Form von Bonsai ebenfalls solche Mechanismen der Übertragung eigener kultureller Maßstäbe auf fremde Formen und Inhalte zeigt. Mit diesem Thema habe ich mich an anderer Stelle bereits auseinandergesetzt (BONSAI ART 31, S.54).
Doch zurück zum Buch. Neben den überaus interessanten Texten besticht dieser große Bildband (36 cm x 27 cm, Leinen, gebunden, 228 Seiten) vor allem durch seine Fotos. Die über zweihundert Aufnahmen sind durchweg von so ausgezeichneter Qualität, dass ein fast plastischer Eindruck entsteht. Pläne und Skizzen von Tempelanlagen und Gärten ergänzen die Texte. Der Autor hat das Buch in sechs Kapitel unterteilt. Nach der Einführung, die die Ursprünge des Japanischen Gartens beschreibt, folgt eine Reihe doppelseitiger Großaufnahmen von Gartenelementen: Steine, Wasser, Pflanzen. Danach beschreibt Herr Itoh die Geschichte und den Untergang des Tempelgartens Saiho-ji, dem Moostempel, den sich die Natur zurückholte. Exemplarisch werden dann der Zen-Garten, der ländliche Privatgarten und der Teegarten des Stadthauses vorgestellt. Dem modernen japanischen Garten, neuen Einflüssen und Weiterentwicklungen ist das nächste Kapitel gewidmet. Gut zwanzig Seiten werden auf die Gestaltung des Gartens verwendet. Dieser Teil wirkt ein wenig als wolle man durch dieses Kapitel jedem Interesse am japanischen Garten gerecht werden. Für die Gestaltung eines Gartens ist man mit dem oben erwähnten Buch von Keane wohl besser bedient. Nichtsdestotrotz versteht es Itoh auch in diesem Kapitel, interessante Hintergründe und Anekdoten zu präsentieren, die ein Gesamtverständnis des Themas fördern.
Den Abschluss bildet die Kurzbeschreibung von fünfzig ausgewählten Gärten in Japan. Hier gibt sich das Buch fast wie ein Reiseführer: Adressen, Öffnungszeiten und Telefonnummern sollen dem Touristen helfen, die Gärten zu finden. Jeder Garten ist durch eine Beschreibung seiner Attraktionen sowie durch ein kleines Foto gekennzeichnet. Warum allerdings das Eintrittsgeld oder ein Fotografierverbot in einem solchen Buch auftauchen müssen, das kann man sich wirklich fragen. Mein Resümee zu „die Gärten Japans“ von Teiji Itoh ist sehr positiv. Die ausgezeichnete inhaltliche und technische Qualität der Fotos zeichnen diesen ursprünglich in Japan erschienenen Bildband aus. Darüber hinaus bin ich immer glücklich über fundierte Texte japanischer Autoren, die in der Lage sind, Erläuterungen zum kulturellen Hintergrund dieses Landes zu geben. Japan ist, auch wenn man heute seine “westliche Kulturoberfläche” zu sehen bekommt, in seinen Tiefenschichten immer noch ein großes Rätsel. Gerade dadurch, dass man durch Bücher wie dem vorgestellten mehr von diesen Tiefenschichten versteht, wird mir zumindest das Rätselhafte dieser Kultur zunehmend deutlicher.