Rezension aus Heft 44

Für Sie gelesen von Michael Exner

Die Bilddokumentation der „6. Bayerischen Bonsai-Tage“ und der Band 74 der „Kokufu-Bonsai-Ausstellung“

Schon des Öfteren habe ich Ausstellungskataloge bzw. Dokumentationsbände von Bonsaiaustellungen besprochen und auch verglichen. Diese Bücher halte ich zum einen für wichtig, weil sie, genau wie die Ausstellungen selbst, Etappen in der Entwicklung von Bonsai zeigen, und zum anderen, weil eine gute Gestaltung zu einem nicht unerheblichen Teil davon abhängt, ob der Gestalter eine möglichst umfassende “Bildergalerie” im Kopf hat. Eine solche Galerie ist eigentlich eine Ansammlung gelungener Lösungen für Gestaltungsprobleme und kann durch das Studium von Bildbänden erweitert werden.

Die beiden Bücher unterscheiden sich schon äußerlich erheblich voneinander. Sie sind zwar beide ungefähr gleich groß, quadratisch und haben einen festen Einband, die herausragende Qualität des Kokufu-Bandes erreicht das deutsche Buch jedoch lange nicht. Das ist bei einem Preisunterschied von 140.- DM jedoch auch nicht verwunderlich. Aber gehen wir der Reihe nach vor. Die Bayerischen Bonsai-Tage (BBT) haben sich als regionale Ausstellung im Laufe der Jahre einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Es soll Bonsailiebhaber geben, die sie für die wichtigste Ausstellung in Deutschland halten. Die sechste Ausstellung fand Anfang Oktober 1999 in Landsberg am Lech statt. Die Vorführungen bestritten vor allem im europäischen Raum lebende japanische Gestalter. Der Organisator, Harald Lehner, richtet auch die World Bonsai Convention 2001 in München aus, so dass es nicht unangemessen scheint, die BBT als Generalprobe für dieses Mega-Event, um es einmal mit einem modischen Begriff zu benennen, anzusehen.
Das Buch hat knapp 120 Seiten, auf denen 4 ausgezeichnete Bonsai, gut 50 Bonsai aus bayerischen Arbeitskreisen, drei Shohin-Regale und etwa 10 ausgewählte Bonsai aus anderen europäischen Bereichen abgebildet sind. Daneben findet man einige Farbbilder von Suiseki sowie von Bonsaischalen aus der Sammlung Lesniewicz und Krebs.
Die Bonsai sind allesamt sehr schön präsentiert, zum größten Teil auf speziellen Tischen und mit Akzentpflanzen. Jedes Arrangement ist auf einer Seite abgebildet, so dass es keine angeschnittenen Bilder gibt. Leider ist aber entweder der Druck etwas zu dunkel geraten oder die Fotos sind leicht unterbelichtet, denn sowohl für den an sich weißen Hintergrund als auch für manche Baumbereiche kann man mit Goethes letzten Worten fordern: “Mehr Licht!”
Eine Bildunterschrift mit deutschem und lateinischem Namen der Pflanze, dem Namen des Gestalters und seines Arbeitskreises lässt leider die Größenangabe des Baumes vermissen. So ist seine Qualität nicht genau einzuschätzen. Zu den Bäumen selbst. Othmar Auer, ein Bonsaigestalter mit großer Erfahrung aus Südtirol (die Entwicklung seiner Lärche ist in der letzten BONSAI ART dokumentiert), hat die Bonsai für die Ausstellung ausgewählt. Dieses Verfahren ist ungewöhnlich, aber aus anderen Zusammenhängen bekannt. Die Kasseler Dokumenta verfährt beispielsweise ähnlich. Die Vor- und Nachteile dieser Methode lassen sich trefflich diskutieren, das ist jedoch hier nicht meine Aufgabe. Die Bäume, die auf diese Weise zusammengestellt wurden, bieten qualitativ ein breites Spektrum. Die vier durch die japanischen Demonstratoren ausgezeichneten Bonsai stellen aber sicher die Spitze dar. Es lassen sich allerdings auch Bonsai finden, die weder durch ihre Reife noch durch ihre Gestaltung überzeugen. Es sind hier gravierende Fehler und auch Nachlässigkeiten zu sehen, die bei einem so hohen Anspruch nicht vorkommen sollten.
Alles in allem entspricht der Ausstellungskatalog der 6. Bayerischen Bonsai-Tage jedoch in etwa den Erwartungen an ein solches Buch. Die Bemühungen, eine kontinuierliche Dokumentation der Entwicklung von Bonsai in Bayern/Deutschland zu leisten, sind nicht hoch genug einzuschätzen.

Japan ist, was seine Spitzenprodukte im Bereich des Bonsai angeht, natürlich an einem anderen Punkt. Das zeigt sich auch in den Bildbänden, die die Kokufu- Bonsai-Ausstellung, die alljährlich im Februar in Tokio abgehalten wird, dokumentieren. Der aktuelle Band der Ausstellung 2000 ist gerade erschienen. Dass dieses Buch nicht nur für den heimischen Markt aufgelegt wird, zeigt die für Japan ungewöhnliche Art der Orientierung: Wie im Westen üblich, blättert man die Seiten von rechts nach links (in Japan liest man dagegen „von hinten nach vorne“). Auch die Fotos aus der Ausstellung zeigen immer wieder westlich aussehende Besucher, so als wolle man zeigen, wie international die Kokufu ist. In diesem Band gibt es in diesem Kontext noch eine Besonderheit: Das zweite Foto (wohlgemerkt nicht das erste) zeigt einen kalifornischen Wacholder, dessen Besitzer der amerikanische Präsident Bill Clinton ist.
Was soll ich noch zusätzlich zu dem sagen, was ich in zwei vorhergehenden Kokufu-Rezensionen bereits dargestellt habe? Jedes Detail dieses Buches ist perfekt und auf einem absolut hohen Niveau. Das gilt ebenso für die abgebildeten Bäume: Man findet nur ausgereifte Bonsai, die jahrzehntelange Pflege hinter sich haben. Mit Ausnahme einiger Ausreisser, bei denen man sich fragen kann, ob Reife allein ausreicht, um auf eine derartige Ausstellung zu gelangen, ist die künstlerische Leistung der Gestalter fast durchgängig ausgezeichnet. Die gefundenen Lösungen für z.T. schwieriges Ausgangsmaterial sind überzeugend, und beim Durchblättern denke ich immer wieder: Ach ja, so kann man das auch machen!
Leicht ließe sich zu jedem Baum ein eigener Text mit dem Umfang der gesamten Rezension verfassen. Das ist bei über 250 Einzeldarstellungen natürlich unmöglich. Ein Baum fiel mir aber besonders ins Auge: Die in BONSAI ART 43 beschriebene Arbeit von Kunio Kobayashi, in der er bei einem Stein einen Vorsprung entfernt hat, um ihn an eine Zierquitte anzupassen. Diese Choenomeles über einen Felsen fand ihren Platz auf der diesjährigen Kokufu-bonsai-ten. Wir gratulieren!