„Ästhetik und Bonsai. Ein praktischer Ratgeber“ von Francois Jeker
Denjenigen unter Ihnen, die diese Kolumne regelmäßig lesen, wird aufgefallen sein, dass ich des Öfteren den Mangel an Büchern in einem bestimmten Segment unseres Hobbys, nämlich dem der Ästhetik, beklagt habe. Jede Äußerung, die hierzu in einer neuen Veröffentlichung gemacht wurde, habe ich angemessen zu würdigen versucht. Meistens jedoch waren nur einige knappe Gedanken zu diesem Thema zu finden. In diese Wüste verspricht nun ein Franzose Regen zu bringen. Dass er es ernst meint, zeigt sich allein schon darin, dass er das Risiko, sein Buch im Eigenverlag herauszubringen, auf sich genommen hat.
Francois Jeker ist sicher nur wenigen von Ihnen bekannt,
aber viele werden mindestens eine seiner grafischen Arbeiten kennen: Er zeichnete
den Bonsai - eine Kiefer - für das Plakat der 4. World Bonsai Convention, die
im Juni in München stattfindet. Dort ist er auch einer der Demonstratoren. Diese
Kiefer ziert nun auch den Einband seines Buches. Als Künstler hat Jeker sich
seit Beginn seiner Beschäftigung mit Bonsai in den frühen 80er Jahren mit ästhetischen
Fragen auseinandergesetzt. In seinem jetzt erschienenen Buch gibt er uns einige
Hinweise und Begriffe an die Hand, die uns helfen können, die Bedingungen für
das zu verstehen, was wir Schönheit nennen.
Jeker sieht Bonsai als eine zutiefst in der japanischen Kultur verankerte Kunstform,
die jedem, der auf sie trifft, zuerst einmal Staunen abnötigt. Bonsai ist damit
auch immer etwas Fremdes und Geheimnisvolles, was es zu enträtseln bzw. zu entschlüsseln
gilt. Die Schlüssel für diese vor uns aufgestellten Rätsel, die wir Bonsai nennen,
finden sich in der japanischen Kultur. Ein Beispiel dafür ist die japanische
Schreibweise von rechts nach links. Wenn Sie diese Zeilen lesen, wandern Ihre
Augen von links nach rechts. Das noch nicht Gelesene, das Zukünftige, liegt
rechts, das Vergangene, schon Gelesene, links. Ähnlich ‚lesen‘ wir auch Bilder
oder Bonsai. Die windgepeitschte oder die geneigte Form, alle Stilformen, die
eine starke Richtung aufweisen, ‚lesen‘ wir gewöhnlich leichter, wenn sie nach
rechts geneigt sind. In Japan ist es genau umgekehrt, die gewohnte Perspektive
ist nach links orientiert. Wir empfinden das als rückwärts gewandt, an der Vergangenheit
statt an der Zukunft orientiert.
Das ist nur ein Beispiel für die Vorgehensweise Jekers. Auf den nahezu 150 Seiten
seines Buches handelt er, nachdem er einen kurzen Einblick in die japanischen
Vorstellungen von Schönheit gegeben hat, zehn ästhetische Prinzipien unter folgenden
Begriffen ab: Regel, Leere, Raumtiefe, dynamisches Gleichgewicht, Impuls, Bruch,
Kompaktheit, Asymmetrie, Rhythmus und Einheit. Den Abschluss bilden fast dreißig
Bonsai, an die er beispielhaft die ästhetischen Prinzipien anlegt und zwei ausführliche
Anleitungen dazu gibt, wie man aus Rohpflanzen Bonsai entwirft und nach den
erarbeiteten Kriterien strukturiert und weiterentwickelt. Diese letzten fünfzehn
Seiten sind der „praktische“ Teil des Buches.
An dieser Stelle möchte ich kurz auf das wirklich Neue diese Buches eingehen:
die ästhetischen Prinzipien und wie sie an Bonsai diskutiert werden. Nachdem
Jeker die allgemeinen Regeln für Bonsai, so wie wir sie alle kennen, kurz dargestellt
hat, ist sein Anliegen vor allem das, was oft pauschal als „Gesamteindruck“
bezeichnet wird, genauer zu betrachten. Er beginnt dabei fast paradox mit der
Leere, also mit etwas, das nicht Bonsai ist und trotzdem dazu gehört. Auch an
dieser Stelle schlägt der Autor die Brücke zwischen der europäischen Kunst und
asiatischen Vorstellungen, wenn er Rembrandt oder Caravaggio anführt, deren
Bilder oft über zwei Drittel Leerraum (Negativräume) aufweisen. Leere meint
dabei allerdings nicht Nichts, sondern den durch den strukturierten Umriss des
Baumes gestalteten Übergang in den ungestalteten Raum. Jeker möchte unsere Aufmerksamkeit
auf die Übergänge, auf das bisher nicht Beachtete lenken. Das gelingt ihm nicht
nur in diesem, sondern auch im Falle der anderen Prinzipien. Immer wieder hat
man ein Aha-Erlebnis. Es fällt mir nicht leicht, noch einige kritische Anmerkungen
zu machen. Das Buch liegt mir aber zu sehr am Herzen, um dies zu versäumen.
Insbesondere in der Diskussion der beispielhaften Bonsai habe ich die nötige
kritische Distanz den Werken europäischer Gestalter gegenüber vermisst. Hätte
Jeker die gerade zuvor aufgestellten Prinzipien wirklich konsequent auch auf
seine eigenen Bonsai angelegt, so wären seine Einschätzungen von größerer Klarheit
gewesen. So scheinen doch einige „Gefälligkeitsgutachten“ dabei zu sein.
Leider sind auch im theoretischen Teil manche Erläuterungen vielleicht etwas
zu knapp ausgefallen. Auch der Übersetzung merkt man an, dass sie wenig von
der Kenntnis bereits eingeführter Begriffe beeinflusst wurde. Nichtsdestotrotz
weisen die klar auf Bonsai bezogenen ästhetischen Prinzipien jedem Gestalter,
egal, ob er ihn bewusst gestaltet oder einfach wachsen läßt, deutlich auf neue
Felder hin, die vielleicht noch zu beackern sind. Insgesamt gesehen setzt dieses
Buch einen echten Meilenstein auf dem Weg zu einem besseren Verständnis von
Bonsai.