Rezension aus Heft 46

Für Sie gelesen von Michael Exner

„Zen im Garten“ von Sunniva Harte

Die Reihe von Gartenbüchern, die ich hier bereits rezensiert habe, hatte eines gemeinsam: Japanische Gärten wurden in ihnen immer sehr authentisch zu fassen versucht. Die Autoren haben, mehr oder weniger, hinter der Erscheinung das Echte, das Wesen des japanischen Gartens gesucht. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob nicht auch Sunniva Harte, eine englische Journalistin und Fotografin, diesen Ansatz verfolgt. Das Buch kommt zwar ziemlich „japanisch“ daher, ist allerdings eher durch den „westlichen“ Blick auf die Oberfläche japanischer Kultur geprägt.

Diese Einschätzung ist nicht als Vorabkritik gemeint. Sunniva Harte legt großen Wert auf die „Oberfläche“ der Dinge, was nicht Oberflächlichkeit meint. Ihr geht es um die Arrangements und die kalkulierte Wirkung der Elemente eines Gartens. Diese beschreibt sie sehr genau, so dass man sich eine gute Vorstellung von der Wirkung einzelner Elemente oder ganzer Szenen machen kann. Solche genauen Beschreibungen helfen bei der Planung des eigenen japanischen Gartens.
Die Autorin gliedert ihr Buch gemäß den verschiedenen Elementen, die in der Gestaltung japanischer Gärten eingesetzt werden:Wasser, Felsen und Steine, Sand und Kies, Pflanzen sowie architektonische und dekorative Elemente. Diese diskutiert sie nach einer kurzen historischen Einführung und der Darstellung der Prinzipien der Gartenkunst, die über die Deutung von Symbolen zu verstehen sind. Sunniva Harte nimmt sich dieser Themenbereiche vor dem Hintergrund klassischer Gärten an. Dabei erörtert sie Beispiele chinesischer, japanischer aber auch westlicher Gärten. Diese Vorgehensweise führt zu einem etwas pointillistischen Stil, indem z.B. beim Element Wasser eine Brücke in diesem Garten auf eine Brücke in jenem folgt. Dabei wird nicht nur das jeweilige Element und seine Einbettung in den Garten beschrieben. Die Beschreibung begründet vielmehr eine Ästhetik, die durch ihre Wirkung gekennzeichnet ist. Die Autorin vertritt an vielen Stellen implizit die Auffassung, dass die Elemente des Gartens klar durch die Funktion definiert werden, die sie aufgrund ihrer Wirkung auf den Betrachter des Gartens ausüben. An den Stellen, an denen sie diese Art der Einordnung nicht macht, bleiben die Beschreibungen sonderbar unbezogen. Man erwartet quasi schon eine Einschätzung der Autorin über die ausgelösten Gefühlsqualitäten des Betrachters und die zugrunde liegenden Intentionen des Gestalters.
Auf der anderen Seite wird jedes Element (z.B. Wasser) und alle diesem untergeordneten Aspekte (z.B. Brücken) auch in den asiatischen Symbolhorizont eingeordnet. Wir erfahren von den Problemen, die eine gerade Brücke machen kann. Böse Geister gehen nach der Lehre des Feng-Shui immer den geraden Weg. Diese Sichtweise stammt aus dem kulturhistorischen Horizont Ostasiens und erscheint unserem Denken doch sehr fremd. Für den Leser ist es eine eher sprunghafte als fließende Lektüre. Pragmatisches steht neben Esoterischem, die Frage, wie man ein Loch in einer Teichfolie flickt, wird ebenso behandelt wie der Einsatz von weissem Sand als Kennzeichnung eines heiligen Bezirkes. Noch einige Bemerkungen zu den sicher über einhundert Fotos. Dieses 160 Seiten starke, wie man es vom Verlag Eugen Ulmer erwartet, sehr hochwertig ausgestattete Buch ist durchgängig mit meist ganzseitigen, farbigen Abbildungen versehen, die leider oft etwas grellbunt sind. Man findet vor allem Aufnahmen aus westlichen Gärten und Parkanlagen. Der Vorteil ist, dass der Leser einen Eindruck von den hier zu realisierenden Möglichkeiten eines japanischen Gartens bekommt. In Japan werden die Gärten kontinuierlich bearbeitet, was ihnen einen besonderen Reiz gibt. Japanische Gärten ausserhalb des Inselreiches haben oft einen japanischen „Touch“, ihnen fehlt jedoch meist die Reife und Würde einer langen Bearbeitung. Mit Bonsai ist es ja oft nicht anders. Viele der Abbildungen japanischer Gärten in Amerika und Großbritannien zeigen eher Gartenräume, die wie Kulissen wirken, obwohl oder gerade weil sie nicht konsequent bearbeitet, also der Natur überlassen wurden. Es entsteht das Paradox, dass wohl erst durch die kenntnisreiche Bearbeitung der Natur der subtile Ausdruck ihrer ungeformt scheinenden Natürlichkeit entsteht. Sunniva Harte setzt auf die Wirkung der gestalteten Oberfläche und gibt damit viele Anregungen für wirkungsvolle Gestaltungen. Ich fand viele Informationen zum klugen Anlegen eines japanischen Gartens. Wovon ich wenig in ihrem Buch gefunden habe, ist das, was der Titel sagt: Zen im Garten.