„japanische häuser, architektur und interieurs“ von Alexandra Black und Noboru Murata und „WOHNEN UND ZEN“ von Vinny Lee
Von diesen beiden Büchern habe ich mich zu einer Rezension verführen lassen. Obwohl sich das eine fast völlig konservativ und klassisch, das andere dagegen äußerst modern gibt, stellt sich beim Betrachter dieser im Wesentlichen als Bildbände zu bezeichnenden Bücher bereits nach kurzer Zeit ein Gefühl ein, das ich als „Geschmack des Japanischen“ bezeichnen möchte. Ich meine damit nicht japanischen Geschmack, sondern etwas, was vom Einfachen, Schlichten, manchmal Kargen geprägt ist. Erinnern wir uns daran, welches Gefühl in uns entstand, als wir die ersten Bonsai sahen oder auf andere Weise mit der japanischen Kultur in Berührung kamen; diesen Geschmack meine ich, der nicht leicht und nur dann entsteht, wenn etwas fehlt, etwas, was sonst fast allgegenwärtig und nun plötzlich abwesend ist: Das Laute und grell Glänzende, das üppig voll sich in den Vordergrund Schiebende. Beide Bücher sind in der Lage, diesen Geschmack in uns hervorzurufen.
Die Autorin Alexandra Black und der Fotograf Noboru Murata haben sich zumeist alten japanischen Häusern zugewandt und auf über 200 Seiten die Ähnlichkeiten und Unterschiede ihrer Architektur und Einrichtung dargestellt. Entfernt man den Schutzumschlag, so liegt ein in schwarzes Leinen gebundenes, sehr edel und aufgeräumt gestaltetes Buch vor einem, dessen Titel tief in den Deckel eingeprägt ist. Ohne Mühe gelingt es der Autorin, die vielfältigen Ansätze zu skizzieren, mit denen man sich der japanischen Architektur annähern kann. Sie schlägt vor, die Materialien als Ausgangspunkt zu nehmen, und beschreibt die Bedeutung von Tatami (Stroh), Bambus, Papier, Holz und Stein. Dann widmet sie sich ganz konkreten Häusern, deren Eingebundenheit in Kultur und Natur sie kurz aber kenntnisreich beschreibt. Dabei kommt sowohl das Besondere als auch das Allgemeine jedes Hauses zur Sprache. Die überwiegende Mehrzahl der Häuser sind keine städtischen Gebäude, da es sich meist um jahrhundertealte Bauwerke handelt. Neben einem Teehaus, mit dem der Reigen beginnt, werden Bauernhaus und Landhaus, Bergrefugium und Gasthaus, Samurai-Residenz und kaiserliche Villa beschrieben und aus den interessantesten Blickwinkeln gezeigt. Hier wird aber kein Museumsdorf präsentiert, sondern alle Häuser sind bewohnt. Es wirkt, als seien die Bewohner, die man sich je nach Ambiente in kostbaren oder einfachen Kimonos vorstellt, nur eben in den Garten gegangen. Auch wird die Veränderung durch Zeitgeist und Nutzung nicht ausgeklammert oder kaschiert. Ein Landhaus z.B. erhielt von einem früheren Besitzer statt eines Stroh- ein Blechdach. Selbst dieser Stilbruch wurde mit Stil vollzogen und nicht übereifrig korrigiert. Auch die Vorlieben und Gewohnheiten der Bewohner sind sichtbar. Es gibt Stühle, Sessel, überhaupt westlichen Wohnstil, aber alles hat Maß und Proportion, fügt sich ein. Dieses undogmatische Umgehen mit traditionellen Elementen erlaubt einen lebendigen Blick auf Kulturgüter, ohne sie zu idealisieren oder zu entwerten. Das Buch ermöglicht einen Zugang zum Wesentlichen der japanischen Tradition, die sich nicht in konservierten Formen und stilisierten Elementen findet. Ebenso wie Black und Murata sucht Vinny Lee in ihrem Buch nach grundlegenden Mustern, die Wohnen und Zen verbinden. Sie geht jedoch von westlichen Neubauten aus, deren Einrichtung den Ideen des Zen entsprechen. Auf 160 Seiten ist dieses ebenfalls sehr sorgfältig edierte Buch ein Beispiel für den Versuch, LEERE zuzulassen. „Weniger ist mehr“ war nicht nur das Motto von Mies van der Rohe, sondern ist auch das der Autorin. Sie gliedert das Buch in zwei Bereiche. Die ersten sechzig Seiten sind zentralen Begriffen gewidmet: Schlichtheit & Gelassenheit, Harmonie & Gleichgewicht, System & Ordnung, Raum & Energie seien hier nur stellvertretend genannt. An diese Begriffe geht die Autorin ganz praktisch heran. Bei Raum & Energie beschreibt sie z.B. die Bedeutung der Lüftung der Räume, was auch im übertragenen Sinne gemeint ist. Nicht nur, dass Fenster und Türen zwecks Luftaustausch nicht verstellt werden sollen, sondern auch, dass der Raum luftig gegliedert ist. Man sollte Möbel beispielsweise nicht anhäufen, um beim Durchqueren des Raumes nicht ständig um Hindernisse herumgehen zu müssen. Aber auch Licht und Luft sollen durch offenen Fenster und Türen möglichst oft die Räume durchströmen können. Die Autorin orientiert sich in ihren Empfehlungen an Feng Shui, ohne jedoch in eine dogmatische Pseudowissenschaftlichkeit zu verfallen. Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit den klassischen Wohnbereichen wie Eingangsbereich, Küche, Wohn- und Schlafzimmer sowie Bad und gibt Hinweise zu dekorativen Elementen und für den Garten. Dieser Anwendungsteil steckt voller Ideen und ist eine Fundgrube für jeden, der sich für seine Wohnung eine Veränderung wünscht, aber nicht weiß, wo anfangen. Die Fotos sind eindrucksvoll, manchmal erschreckend in ihrer Strenge. Hier zeigt sich, dass allein durch die bei uns baubedingt vorgegebenen „harten“ Materialien vielleicht ungewollt eine Kühle Einzug hält, die man so in traditionell mit „weichen“ Materialien gebauten Häusern nicht findet. Aber auch hier ist die Autorin keine Puristin, die den Bewohnern eine unbehauste Kahlheit zumutet. Für beide Bücher drückt sich vielleicht schon in den auffällig gleichen Formaten (ca. 25 x 25cm) eine untergründige Ähnlichkeit aus, die mit etwas zu tun hat, was wir auch in den besten Bonsai wiederfinden, den klaren Geist des Einfachen und Natürlichen.