„Gartenkunst in Japan“ von Irmtraud Schaarschmidt-Richter
Zwanzig Jahre nachdem sich Irmtraud Schaarschmidt-Richter durch das Verfassen eines Standardwerkes als die deutsche Expertin für japanische Gärten ausgewiesen hat, legte sie 1999 ein überaus sehenswertes und fundiertes Buch vor, das den Japanischen Garten radikal als Kunstwerk versteht. Sie fasst ihn als dreidimensionales Landschaftsgemälde auf, in dem die Elemente Bäume, Büsche, Wasser, Sand und Steine nach verschiedenen Formgesetzen als Motive eingesetzt werden. Diese Perspektive weist auch Bonsaigestaltern einen Weg zu einem erweiterten Verständnis ihrer Kunst.
Irmtraud Schaarschmidt-Richter, eine Schülerin von Osamu Mori, geht in ihrem Buch von drei Grundtypen aus: - dem Teichgarten, der eine real begehbare Landschaft darstellt, - dem Betrachtungsgarten, der von der Veranda betrachtet wird und oft nach klassischen Regeln der Tuschemalerei gestaltet wird, - dem Teegarten, der Rahmen und Stimmung für eine bestimmte Form künstlerischer Begegnung bereitstellt. Diese Grundtypen lassen sich in verschiedenen Epochen finden, wurden und werden immer wieder gestaltet und variiert. Das Kunstwerk „Japanischer Garten“ will empfunden und betrachtet werden und zur Auseinandersetzung anregen. Im Unterschied zu europäischen Gärten dient es nicht der Machtdemonstration, als Kulisse oder zur Selbstdarstellung. Diese kurz referierte Sichtweise der Autorin wird im ganzen Buch konsequent beibehalten und lässt einen anderen Blick auf die verschiedenen Aspekte Japanischer Gärten zu. Im größten Teil des Buches behandelt Schaarschmidt-Richter die drei Gartentypen und stellt sie an verschiedenen Beispielen dar. Das ist allerdings nicht das Besondere, was dieses Buch ausmacht. Ich möchte hier nur einige Hinweise auf Einsichten geben, die uns in der Auseinandersetzung mit japanischer Kunst, insbesondere Bonsai, aufklären können, und von denen man viele in diesem Buch findet. Schaarschmidt-Richter stellt in ihrer Interpretation des berühmten Steingartens am Ryoan-ji ein Begriffsgerüst des Zen- Philosophen Hisamatsu vor, das ich hier zitieren möchte. Mit diesen sieben Begriffen lässt sich beschreiben, was nicht nur solch außergewöhnliche Gärten, sondern auch einen gelungenen Bonsai ausmacht. „1. Fukinsei - Asymmetrie. Das bedeutet: die allgemeine Eleganz soll überwunden werden - offene Balance. 2. Kanso - Einfachheit. Das bedeutet: rein, offen, naiv, unbedacht, unsorgfältig, keine behindernden Dinge, Reduktion. 3. Koko - kostbare Einfachheit. Das bedeutet: schmucklos erhaben, altern, reif werden; als bewusster willentlicher Vorgang Haut, Fleisch abfallen lassen und das Knochengerüst sichtbar machen. Vollendung, Erreichung des Kerns der Dinge, gleichzeitig Sorglosigkeit und Hochherzigkeit. 4. Shizen - spontane Natur. Das bedeutet: nicht gekünstelt, nicht unnatürlich, ohne Absicht, aber auch nicht Angeborensein, sondern mit Schöpferwillen und Erfindungsgeist; „wirkliche Natur“ verneint die bloße Natur. 5. Yugen - unergründliche Tiefe, Anmut, vornehm zurückhaltend. Das bedeutet: nicht das Ganze unverhüllt ausdrücken, sondern im Inneren zurückhalten. Durch das Nicht-Dargestellte die Unendlichkeit ausdrücken - Grazie und ruhige Tiefe. 6. Datzusoku - Überwindung der Welt. Das bedeutet: Weggehen aus der irdischen Welt, nicht gebunden sein an eine Sache, Buddha oder Gott. 7. Seijaku - reine Stille, nicht geräuschvoll. Das bedeutet: die Stille in der Bewegung, gleich der Musik im NO - Spiel.“ Schaarschmidt-Richter gebraucht diese sieben Begriffe, um das Wesentliche der japanischen Kunst fassbar zu machen. Auffallend ist dabei, dass diese Begriffe meist etwas verneinen, sich gegen eine etablierte Sichtweise oder eine bestimmte Sicherheit wenden. Sie dienen der Negation, der Verneinung des Unmittelbaren. Spontane Natur ist eben nicht die bloße vorgefundene Natur. Aber natürlich (!) darf es auch nicht unnatürlich aussehen. Denkt man über diese Begriffe nach und versucht sie auf einen bestimmten Gegenstand anzuwenden, verschwimmen sie. Ihre für uns gewöhnliche Funktion, eine Sache dingfest zu machen, mit einem Begriff etwas ein- und damit von etwas anderem abzugrenzen, ist nicht möglich. Vieles bleibt im Fluss. Manchmal scheint auch das Gegenteil enthalten. Wir haben es mit dialektischen Begriffen zu tun, die eine Entweder-oder-Logik nicht zulassen. Schaarschmidt-Richters Buch ist in der Lage, diese verwirrende und uns fremde Denkweise am Beispiel der japanischen Gärten transparent zu machen. In einer anderen Rezension habe ich einmal vom Geschmack des Japanischen gesprochen. Kognitives Wissen führt da nicht weit, Einfühlung ist gefragt und das Gefühl, etwas grundsätzlich Fremdem, Geheimnisvollem gegenüberzustehen. In diesem Sinne macht die Autorin uns das scheinbar Vertraute wieder fremd und lässt uns irritiert auf eine unverständliche Welt blicken, die wir so gut gekannt zu haben glaubten.