Rezension aus Heft 50

Für Sie gelesen von Michael Exner

„Four Seasons of Bonsai“ von Kyuzo Murata

In den ebenfalls in dieser Ausgabe von mir veröffentlichten Gedanken zur Wahrnehmung von Bonsai habe ich mich nicht zuletzt von diesem Buch anregen lassen, das der 1991 verstorbene Bonsaimeister Murata 1984 in Japan veröffentlicht hat. Ausgezeichnet illustriert wird hier, was Reife oder Natürlichkeit im Bonsai heißt.

„Four Seasons of Bonsai“ erschien 1991 in den USA und zeigt mehr als nur die vier Jahreszeiten des Bonsai. Die von mir zu rezensierende Ausgabe ist das Paperback von 1997. Den vor mir liegenden Band, er ist etwas kleiner als DIN A 4, kann man als „Bilderbuch“ bezeichnen, ohne dies abfällig oder herabsetzend zu meinen. Murata präsentiert uns Bilder der Jahreszeiten, die so lebendig sind, dass man sich durch sie leicht in die verschiedenen Stimmungen versetzen kann, die einen sonst im Jahreslauf erfassen: Die strotzende Kraft des Frühlings, die Launenhaftigkeit des Sommers, die Fülle des Herbstes sowie die Starre des Winters ergreifen uns und regen unsere Phantasie an. Murata verweist in seinem Buch auf einen Aspekt des klassischen Bonsai, der uns in Europa noch wenig geläufig ist: Bonsai als Vermittler bestimmter Ausdrucksweisen von Natur, in diesem Fall den Jahreszeiten. Mancher wird sich offen oder heimlich über die künstlerische Qualität einiger der dargestellten Bäume wundern. Man findet scheinbar „ungestaltete“ Pflanzen, ja, man könnte ketzerisch sagen „Rohmaterial“. Dieser Eindruck ist im Hinblick auf Bonsai, die auf der Höhe aktueller Bonsaigestaltung sind und so die avanciertesten Exemplare der Gattung stellen, sicher nicht falsch. Murata hat fast sechzig Jahre lang die Bonsai des kaiserlichen Haushaltes betreut. Wer diese Bäume kennt, erwartet keine avantgardistischen Kunstwerke, sondern Zeugnisse einer langen, konservativen Kulturtradition. Trotzdem ist in dem bösen Wort des „Rohen“ ein Aspekt eingeschlossen, der genau das trifft, worum es dem Autor scheinbar in diesem Buch geht: Roh oder fein, in Vielem auch widersprüchlich ist Natur, nur erkennen muss man es. Murata muss nichts mehr beweisen, muss nicht auf einer Ebene konkurrieren, auf der sich junge, ideenreiche Individualisten gegenseitig den Ruhm um die extremsten Gestaltungen streitig machen. Er kann zeigen, was über die Jahre, vielleicht sogar erst seit einigen Jahren in seinem Garten gewachsen ist. Murata erkennt die feinen Zeichen seiner Pflanzen, wenn sie etwas von dem zeigen, was normalerweise übersehen wird: den Zenit ihrer jahreszeitlich gebundenen Schönheit. Er will uns diese Momente nahebringen, sei es bei einem durchgestalteten alten Bonsai oder einem Gras, das scheinbar einfach in eine Schale gesetzt wurde. Trotz der ausgezeichneten Bilder ist bei jedem Foto die eigene Entschlüsselungsarbeit gefordert, um zu verstehen, was uns Murata zeigen will. Dabei lässt er uns aber nicht allein. In kurzen Erläuterungen, die sich auf verschiedene Aspekte der Bonsaikultur beziehen, teilt er uns seine Erfahrungen mit der dargestellten Pflanze mit. Dabei wird eine unglaubliche Anzahl verschiedener Arten vorgeführt. Das ist wiederum überhaupt nicht traditionell, entspricht aber dem Auftrag, dem sich Murata scheinbar schon sehr früh verschrieben hat: Bonsai in der Welt zu verbreiten. Ihm war klar, dass Bonsai nicht auf die japanischen Baumarten zu reduzieren ist, soll es eine weltweit anerkannte und verbreitete Kunstform werden. In seinem Garten finden wir Bäume, die ihre Heimat in den Vereinigten Staaten haben. Murata ist, wie auch andere Altmeister des Bonsai, ein Botschafter, dessen Ziel die Verständigung von Ost und West ist. Eines der ersten in Englisch publizierten Bonsaibücher ist demzufolge ebenfalls von ihm. Das vorliegende Buch kann man als sein Alterswerk verstehen. Es erscheint im Todesjahr des Autors in den USA, und ich sehe es als einen erneuten Versuch, verständlich zu machen, was Bonsai ist. Wie schwierig es ist, diese Frage zu beantworten, ist - glaube ich - jedem engagierten Bonsailiebhaber bewusst. Auf den 160 Seiten von „Four Seasons of Bonsai“ findet man eine Menge möglicher Antworten, die uns ein großer Mann des Bonsai hinterlassen hat.