Rezension aus Heft 77
Alle vier Jahre findet seit dem 6.4.1989 eine große Versammlung der WBFF (World Bonsai Friendship Federation) statt. 2001 wurde sie in München abgehalten, 2005 in Washington, der Hauptstadt der USA. Der nun erschienene Bildband zu diesem Ereignis dokumentiert nicht nur die ausgestellten Bonsai, Suiseki und Schalen, sondern auch die Geschichte des modernen Bonsai aus der Sicht der Vereinigten Staaten.
Wenn Sie einen Bildband erwarten, der ausgezeichnete amerikanische Bonsai zeigt, so werden Sie enttäuscht werden. Dieses Buch kann diesen Wunsch nicht erfüllen, wie auch schon die Ausstellung auf der vierten Welt-Bonsai-Zusammenkunft keine Schau der besten Bonsai war und auch nicht sein wollte. Bei dieser Veranstaltung vom 28. bis 31 Mai 2005 standen andere Dinge als die Frage Welcher ist der Schönste? im Vordergrund. Es ging um die Frage: Kann Bonsai mehr sein als nur ein nettes Hobby, bei dem man kleine Bäumchen in seinem Garten kultiviert? Es ging auch nicht um die hohe Bonsaikunst. Bonsai ist im Zusammenhang der WBFF die Basis und gleichzeitig ein Mittel für einen höheren Zweck: Die Welt zusammenzubringen! Dahinter steht eine Idee, die in den 80er Jahren von Saburo Kato und John Y. Naka vorangetrieben wurde. Die alten Männer, beide Japaner, der eine im Osten der andere im Westen sozialisiert, wollten etwas zusammenbringen, eine Brücke schlagen über den größten Ozean der Welt und vielleicht den größten Konflikt der Welt überbrücken, der beider Welt zerrissen hat: den 2. Weltkrieg, oder, wie er in Japan und USA genannt wird, den großen pazifischen Krieg. Kein kleines Unterfangen, das da den kleinen Bäumen zugemutet wurde. Aber es waren ja nicht die Bonsai, die das leisten sollten, sondern Kato und Naka setzten auf die Kraft des Überlebens und des Widerstandes gegen die Vernichtung, die auch den Menschen innewohnt. Diese Kraft wollten sie mit ihrer Initiative mobilisieren und sahen sie in Bonsai symbolisiert. Mancher wird diese beiden Botschafter einer vielfach belächelten lebenden Kunstform mit ihrem Anliegen vielleicht nicht ganz ernst genommen haben, aber ihr Friedensbonsai wächst, langsam und stetig, gepflegt von mittlerweile vielen Menschen in aller Welt. Die Überzeugung und Kraft kann man spüren.
Von der Idee nun zum Buch. Auffallend viele Textbeiträge stellen, neben
den oben erwähnten, weitere wichtige Personen und auch das nationale Bonsai
und Penjing Museum vor. Personen und Institutionen bilden das symbolische Rückgrat
der Bonsai-Friedensbewegung und machen folgerichtig einen wichtigen Teil des
Buches aus. Die ersten 50 Seiten des Bandes schließen mit der Einladung
zur 6. Zusammenkunft 2009, die in Puerto Rico, Mittelamerika, stattfinden wird.
Im Anschluss fühlt man sich wieder ganz zuhause, denn nun werden die Ausstellungsstücke
präsentiert. Sehr gute Fotos von über 50 Bonsai und Bonsaiarrangements,
einer ähnlichen Zahl von Suiseki und danach noch einmal 25 Seiten mit Abbildungen
von Bonsaischalen. Kurz möchte ich nun doch auf die Qualität der präsentierten
Bonsai eingehen. Auffallend sind die vielen vertretenen Arten, u.a. auch subtropische
und tropische Spezies. Ficus wird neben Chin. Wacholder, unsere Föhre neben
einer Thuja ausgestellt. Überhaupt liegen Scheinzypressen in der amerikanischen
Gunst scheinbar weit vorne. Auch die dort heimische Lärche, äußerlich
kaum von unseren Arten zu unterscheiden, ist stark vertreten. Nick Lenz, dessen
Buch ich vor längerer Zeit einmal hier rezensierte, hat zwei Exemplare
ausgestellt. Ein Display arrangierte er mit einem schneckenartigen wohl selbstfabrizierten
Fabeltier mit Stielaugen. Respektlos, könnte man meinen, aber nachdem ich
den strengen Blick etwas abgemildert hatte, gefiel mir sein spielerisch ironischer
Umgang mit den Konventionen. Insgesamt ist jedoch die Reife der meisten ausgestellten
Bonsai für solch ein hochqualifiziertes Ereignis nicht als ausreichend
anzusehen.
Abschließend kann ich dieses Buch denjenigen empfehlen, die sich für
die Entwicklung des Bonsai im Westen interessieren. Wenn man des Englischen
mächtig ist, erhält man mit diesem Veranstaltungsband interessante
Informationen zu dem Thema.
(Zusätzliche Informationen zu der 5th World Bonsai Convention in Washington
finden Sie auch in BONSAI ART
73.)