Rezension aus Heft 80
Zwei Bücher, die eher der Tradition als der Moderne
verpflichtet sind, so könnte man vermuten. Der achtzigste Band des berühmten
Ausstellungskataloges wird klassischerweise nach der kaiserlichen Regentschaft
gezählt, die 1926 mit Hirohito, dem 124.Tenno, beginnt. Da dieser jedoch
1989 starb und damit die Showa-Periode zuende ging, wäre die Reihe traditioneller
Zeitrechnung entsprechend eigentlich mit Band 63 abgeschlossen und 1990 mit
Band 1 der Heisei- Periode fortzusetzen gewesen. Auch die Werkzeugmacherdynastie
Masakuni, deren männlicher Erbe jeweils den gleichen Vornamen bekommt,
zählt sich über die Generationen fort. Ist das nun Modernisierung
oder Traditionsbildung oder beides? Mich verwundert manchmal, an welchen Stellen
in Japan Neuerungen eingeführt werden und an welchen anderen man an Altem
festhält.
Was gibt es nun Neues oder auch Altbewährtes in den beiden Büchern zu entdecken? Natürlich naht nicht nur die Zeit der Geschenke, als die sich die Kokufu-Bände besonders eignen, sondern auch die der Gestaltung, bei der das Buch von Vater und Sohn Masakuni hilfreich sein kann. Zuerst zum 80. Ausstellungsband der Nationalen japanischen Bonsaiausstellung 2006. Da ich voraussetze, dass die allermeisten von Ihnen einmal einen der ausgezeichnet fotografierten und hervorragend gemachten Bände in der Hand hatte, (wenn nicht, müssen Sie es nachholen!) hier nur der kurze Hinweis auf fast 500 (!) abgebildete Bonsai. Eingehen möchte ich auf zwei von diesen, die nicht nur Meisterwerke sind, sondern auch noch auf der Ausstellung den begehrten Kokufu-Preis erhielten. Die Jap. Scheinquitte, nur 35 cm hoch, zeigt eine überaus einfache Gestalt. Die Silhouette der Krone erhebt sich wie ein leicht asymmetrischer Hügel über der flachen blauen Schale. Die einfachen Formen von Meer und Berg, gerader und gekrümmter Linie. Einige wenige der roten Blüten sind im Gewirr der Zweige mehr zu erahnen als zu sehen. Dieser Bonsai wirkt wie ein abstraktes, äußerst reduziertes Landschaftsmotiv. Dieser Bonsai ist so reduziert, dass sogar etwas fehlt, was vermeintlich jeder Bonsai haben sollte: ein Stamm. Dieser Bonsai ist im eigentlichen Sinn kein Baum mehr, und wird so ganz grundsätzlich seiner Natur, nämlich ein Strauch zu sein, vollends gerecht. Für mich eines der anregendsten, avanciertesten Stücke im Buch.

Ganz anders der zweite Bonsai, der den Kokufu-Preis erhielt, ein Igelwacholder.
Er ist ganz Baum, kaum Abstraktion. Der gerade Stamm, nur noch zur Hälfte
lebendig, ist Zentrum und Angelpunkt des Bonsai. Die fein gegliederte Krone,
konsequent aus dem Zentrum nach rechts verschoben, zeigt, dass dieser Baum
schon vor Jahrhunderten seine Symmetrie, nicht aber seine Mitte, verloren hat.
Die Schale, ein mächtiger, erdiger Block, will, wie die Basis des Stammes,
nichts anderes sein als ewige Stabilität. Die tote Spitze verweist auf
die Vergänglichkeit. Ein uralter Baum, vielleicht auf einem Friedhof,
an einer Kirche oder einem Schrein. Dieser Bonsai, ganz Stamm und Krone, lässt
weder Äste noch feinsinnig metaphorische Anspielungen an Menschliches
vermissen, er ist einfach Baum.
Die geheimen Techniken des Bonsai, wie das Buch der
Masakuni übersetzt
heißt, hat den Untertitel: „Ein Handbuch zu Beginn, Aufzucht
und Gestaltung von Bonsai.“ Es ist rund um den Werkzeuggebrauch konzipiert
und bietet so eine ganz neue Perspektive auf Vermehrung, Pflege und Gestaltung.
Masakuni II starb 2002, noch bevor das Buch beendet war, es trägt aber überwiegend
dessen Handschrift. Auf den gut 100 Seiten finden sich wenige farbige, aber
viele Schwarzweißfotos, die vor allem Bonsai zeigen, deren Formen in
den langsamen Prozessen der „alten Schule“ entwickelt wurden. Kawasumi
Masakuni III, im Buch ist er „Tree Doctor“ genannt, ergänzt
die Einsichten seines Vaters in abgesetzten Textkästen durch Pflegetipps.
Die Leserin und der Leser finden in diesem Buch, leider nur auf Englisch, originäre
Gedanken, die das Spektrum einer paradoxen Definition sind: Bonsai sind sowohl
genau dasselbe, als auch grundsätzlich verschieden von Bäumen in
der Natur. Ein praktisches aber auch weises Buch.
Bildband Kokufu-ten 80:
492 Seiten, Hardcover, 26 cm x
25 cm, durchgehend vierfarbig, 119,00 Euro
Secret Techniques Of Bonsai:
111 Seiten, 19,5 cm x 27 cm, viele s/w- und Farbfotos,
Hardcover, 27,50 Euro