Rezension aus Heft 89
Im Adachi Kunstmuseum, gegründet 1970, ist eine große
Sammlung moderner japanischer Kunst zuhause, die vom Gründer Zenko Adachi
gesammelt wurden. Nicht jedoch diese Sammlung ist Gegenstand des Bildbandes,
den ich vorstellen möchte, sondern die umliegenden Japanischen Gärten,
die von einer außergewöhnlichen Qualität und Größe
sind. Sie stellen auf anschauliche Weise dar, dass Japanische Gärten „natürliche
Malerei“ sind, eine Form der dreidimensionalen Bildgestaltung, die typisch
für den Gartenbau in Japan ist.
Welche Art von Gärten sind in diesem Bildband zu finden?
In einem einführenden Text beschreibt Takanori Adachi, der Enkel des Museumsgründers,
die Vorstellungen seines 1990 verstorbenen Großvaters Zenko. Dieser war
ein begeisterter Laie auf dem Gebiet des Gartenbaus und beeinflusste den Aufbau
des Gartens, der nach dem Plan des Gartenarchitekten Kinsaku Nakane entstehen
sollte, durch seine tägliche Anwesenheit. Er habe, so sein Enkel, jeden
Baum und jeden Stein bei der Positionierung überprüft. So tragen
vor allem die Details die Handschrift des Gründers. Dazu zählt auch,
dass 800 Rotkiefern von der Noto-Halbinsel und ungezählte Felsen aus dem
Kosakabe-Fluss von der Insel Okayama ausgewählt und gesetzt werden mussten.
Zenko Adachi war überzeugt davon, dass ein Garten ein lebendes Gemälde
ist. Damit steht er ganz in der Tradition, die einen Garten wie auch einen
Bonsai auf spezielle Blickwinkel hin konzipiert und dem Betrachter eine idealisierte
Landschaft zur Betrachtung und Erbauung darbietet. Um das Museum wurden verschiedene
Gärten angelegt, die einen Überblick über die wichtigsten Gartenformen
Japans geben und gleichzeitig dreidimensionale Landschaftsinszenierungen alter
japanischer Gemälde sind. So schaut man quasi aus den Fenstern des Museums
wie darin auf Bilder, nur im Fall der Gärten eben auf lebende. Die Anerkennung
für diese herausragende Leistung – und die darin täglich wiederkehrende
Pflegearbeit – bekam der Garten des Adachi-Museums durch ein amerikanisches
Gartenmagazin, das ihn über drei Jahre zum besten Japanischen Garten kürte.
Dabei wurden die Gärten unter verschiedenen Kriterien beurteilt, aber
die in Japan übliche Verbeugung z.B. davor, dass ein Garten schon deshalb
ausgezeichnet sei, weil er in Kyoto oder in einer berühmten Landschaft
liegt, wurde nicht gemacht. Im Adachi-Museumsgarten wurde ein Traum verfolgt,
der Traum einer idealen Gartenlandschaft, und Zenko Adachi ist ihm wohl sehr
nahe gekommen.
Der Band zerfällt in zwei Hälften: den Frühling/Sommer- und
den Herbst/Winter-Teil. Die verschiedenen Gärten bzw. Gartenbereiche werden
in exzellenten Fotos dargestellt und gerade durch ihren jahreszeitlichen Wandel
bekommt man einen wunderbaren Einblick in die verschiedenen Stimmungen, die
diese Gärten zu erzeugen vermögen. Ein im üppigen Grün
sogar mit einzelnen pinkfarbenen Blüten getupfter Frühlingsgarten
verliert im Winter all seine Farbe und wird seinem tintenschwarzen und papierweißen
zweidimensionalen Vorbild damit fast auf unheimliche Weise ähnlich. Manche
Fotos wirken speziell im verschneiten Winterkleid regelrecht kalt und unbelebt,
wie eingefroren. Das brennende Rot und Orange der Ahorne im Herbst erscheint
wie die letzte Energie eines selbstverzehrenden Feuerwerks, das kurze Zeit
später zum Schwarz der Linien und Flächen verkohlt ist. Licht, Schatten,
unendliche Vielfalt der Grüntöne und Perspektiven – wirklich
beeindruckend, wie dieser Bildband seine Botschaft von der idealen Natur dem
Betrachter nahe bringt.
In einem gewaltigen Kraftakt wurde in den Gärten des Adachi-Museums eine
Welt geschaffen, und sie wird jeden Tag aufs Neue durch viel Arbeit wieder
hergestellt, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Mancher, der die wilde
Natürlichkeit in ihrer manchmal harten Gebrochenheit liebt, wird sich
an der Glätte der Arrangements stören, ein Aspekt, der in diesem
idealen Ensemble keine Berücksichtigung findet. Wer sich jedoch auf das
milde Licht, die Harmonie und Ausgewogenheit eines Traumes einstellen kann,
wird in diesem Bildband auch für die Bonsai-Gestaltungspraxis seine Anregungen
finden.
The Gardens of The Adachi Museum of Art.
Adachi Museum
Foundation (Hrsg.).
184 Seiten, 23 cm x 28,5 cm, durchgehend farbig, Softcover, 49,90
Euro