Mit der Pflege steht und fällt die Qualität eines Bonsai. Die Gesundheit steht an allererster Stelle. Es geht bei Bonsai nicht darum, Wachstum zu verhindern, sondern, ganz im Gegenteil, gesunden Zuwachs zu erzielen und diesen kontrolliert in die gewünschte Form und in feine Verzweigung zu richten.
Die aufwändigste Gestaltung macht keinen Sinn, wenn die Pflanze kränkelt und nur mit Mühe am Leben gehalten werden kann. Nur ein vitaler Baum wird in uns ein positives Gefühl von Harmonie, Würde und Gelassenheit hervor rufen.
Im Folgenden werde ich versuchen, die wichtigsten Pflegemaßnahmen zu erläutern und die wesentlichen Tätigkeiten auf den Punkt zu bringen.
Unsere Bonsai benötigen viel Licht und Luft. Sonnenlicht ermöglicht Photosynthese als Basis für jegliches Wachstum. Eine gute Luftzirkulation erleichtert den Gasaustausch und verhindert das Auftreten von Schädlings- und Pilzbefall.
In vielen Büchern ist noch immer zu lesen, dass viele Bäume einen „halbschattigen“ Standort bevorzugen. Das sind tatsächlich nur die wenigsten Arten, wie z.B. Azaleen. Die Jap. Ahorne hingegen fühlen sich in der Sonne äußerst wohl. Falls es zu scheinbaren „Sonnenschäden“ auf den Blättern kommt, liegt das eher an falschen Gießgewohnheiten bzw. an einer nicht optimalen Versorgung durch das Wurzelsystem. Und das kann unterschiedliche Gründe haben wie schlechte Erde, seltenes Umtopfen usw.
Mit dem idealen Standort sichern wir also die Gesundheit des Baumes.
Man erzählt sich, dass Lehrlinge bei Bonsaimeistern in Japan im ersten Jahr nur Gießen erlernen. Auf den ersten Blick erscheint das ein wenig lächerlich. Befasst man sich jedoch tiefer gehend damit, stellt man fest, dass auch mit der Wasserzufuhr bestimmte Ziele erreicht werden können. So lässt sich damit, fein dosiert, die Länge der Nadeln bzw. die Blattgröße eines Baumes beeinflussen. Das ist allerdings ein heikles Unterfangen, will man doch die Vitalität des Baumes auf keinen Fall riskieren.
So sollte man zwei Dinge beherzigen: Zu wenig Wasser verursacht Trockenschäden, zu viel führt zu Wurzelschäden und unschönen Trieben und Blättern. Ein praktikabeles Schema ist folgendes: In der Übergangszeit (Frühjahr, Herbst) nur gießen, wenn die Erde anzutrocknen beginnt. (I.d.R. ist die Feuchtigkeit in tieferen Schichten des Ballens noch ausreichend.) An heißen Tagen im Hochsommer sollte man morgens ordentlich gießen, dabei die Pflanzen so intensiv und lange überbrausen, bis Wasser aus den Abzugslöchern tritt. Im Tagesverlauf machen wir weiteres Gießen vom Verbrauch der Pflanze bzw. der Feuchtigkeit an der Oberfläche abhängig. Einige Bäume brauchen eine zweite „Dusche“, vielleicht am Nachmittag, manche kommen bis zum nächsten Morgen aus. Das alles ist abhängig vom Wind, von der Temperatur, von der Größe der Schale und natürlich von der Art der Pflanze bzw. ihrer Gesundheit.
Es ist ein Märchen, dass Bonsai durch das Vorenthalten jeglicher Nährstoffe klein gehalten werden. Wir sollten kräftig düngen, um der Pflanze die Möglichkeit zu geben, sich nach unseren Vorstellungen zu entwickeln. Hungernde Bonsai werden blass und schnell krank, da die nötigen (Abwehr-)Kräfte fehlen.
Am besten geeignet ist fester organischer Kugeldünger oder, noch besser, das im Handel mittlerweile problemlos erhältliche BioGold ®, ein organischer Dünger in Form kleiner Pellets mit „Additiven“ angereichert.
Wir beginnen die Düngung im Frühjahr, wenn der Austrieb beginnt, tauschen zweimal nach je vier Wochen den Dünger aus. Die Breite der Schale in cm kann als Faustregel für die Anzahl der Pellets herangezogen werden, bei 30 cm Schalenbreite also 30 Stück. (Bei den klassischen Düngekugeln etwa die Hälfte.) Im Hochsommer pausieren wir, um den Austrieb langsam zu bremsen und ein Aushärten der Triebe zu ermöglichen.
Im Spätsommer und Herbst folgt die wichtigste Düngung: Die Anlagen für das kommende Jahr werden angelegt. Ein auf diese Weise gestärkter Bonsai erfreut uns dann mit zahlreichen Knospen und gesundem Austrieb.
Noch eines gilt es zu beachten: Wir sollten nur düngen, wenn Wurzelsystem und Drainage funktionieren. Ein Baum mit Wurzelschaden ist nicht in der Lage, den Dünger aufzunehmen, die Erholung der Wurzeln wird eher erschwert.
Das Umtopfen hat verschiedene Funktionen. Es ermöglicht Beurteilung und Bearbeitung des Wurzelsystems. Ein gesundes Wurzelsystem ist unerlässlich. So werden kranke und zu kräftige Wurzeln entfernt. Man verbessert dabei auch den Wurzelansatz, das so genannte Nebari. Ein eindrucksvolles Nebari mit gleichmäßigen, in alle Richtungen wachsenden Wurzeln ist ein wichtiges Qualitätskriterium. Durch das Umtopfen kann die verbrauchte Erde ausgetauscht werden gegen eine frische, unbedingt gut durchlässige Erde. Das wiederum ermöglicht eine gute Wurzelentwicklung und sichert somit die Gesundheit des Bonsai.
Die meisten Bäume werden alle 2-3 Jahre umgetopft, insbesondere dann, wenn die Erde beim Gießen das Wasser nicht mehr aufnimmt. Das oberirdische Wachstum wird durch die nun mögliche Wurzelentwicklung angeregt. Reife, bereits fein entwickelte Bonsai werden daher seltener unterirdisch bearbeitet.Der ideale Zeitpunkt ist das Frühjahr, bevor die neuen Knospen austreiben. Die Pflanzen sind dann voller Energie, verdunsten allerdings durch das Fehlen der Blätter kaum Wasser.
Wir sollten versuchen, durch geeignete Prophylaxe Schädlings- und Pilzbefall von vornherein zu verhindern. Das bedeutet, den Bäumen optimale Bedingungen zu schaffen. Ein luftiger Standort, viel Sonne, geeignete Erde und Düngung erbringen gute Widerstandskräfte, die einen Befall unwahrscheinlich machen. Eine geschwächte Pflanze ist selbstverständlich viel anfälliger.
In Japan wird im Winter eine vorbeugende Spritzung mit verdünntem Jin-Mittel durchgeführt, das eigentlich zum Bleichen toten Holzes verwendet wird. Bei Laubbäumen verwendet man eine Konzentration von 1:20, bei Nadelbäumen 1:30, um die ja auch im Winter vorhandenen Nadeln nicht zu schädigen.
Sollte es dennoch zu einem Befall kommen, verwenden wir handelsübliche Spritzmittel nach Isolierung der kranken Pflanze. Die Ursachen sollten wir suchen, so können wir vielleicht einen Pflegefehler aufdecken.
Die heimischen und japanischen Pflanzen vertragen ohne weiteres ein paar nächtliche Frostgrade zu Beginn des Winters, das erhöht die Widerstandskräfte. Kommt es zu Dauerfrösten, erleiden die Bäume eher Trocken- als Kälteschäden. Die Wurzelballen sind durchgefroren, das aus der Krone verdunstete Wasser kann nicht über die Wurzeln ersetzt werden. Daher sollte man ein geeignetes Winterlager schaffen, in dem die Bonsai vor heftiger Kälte geschützt sind, aber dennoch genug Licht erhalten ohne durch zu hohe Temperaturen zu verfrühtem Austrieb angeregt zu werden. Gefährlich sind dann späte Fröste, die im April oder sogar Mai den Austrieb zerstören und so die Pflanze erheblich schwächen können. In dieser Zeit gilt es, abhängig von aktuellen (Nacht-)Temperaturen einen Schutz bereitzustellen.
In dem vorhergehenden Beitrag habe ich in der Einführung das Ziel formuliert, „einem Baum Ausstrahlung zu verleihen“, er solle „die Illusion eines ausgewachsenen Baumriesen hervorrufen, dabei Alter und Würde suggerieren.“ Daraus können wir Qualitätskriterien ableiten.
Alte, ausdrucksstarke Bäume haben einen breiten, gleichmäßigen Wurzelansatz (Nebari), einen kräftigen Stamm mit Verjüngung, starke Äste mit feiner Verzweigung sowie eine ausgewogene Belaubung mit gleichmäßiger Vitalität über die gesamte Krone. Starke Schnittstellen dagegen wirken unnatürlich, eingewachsener Draht dokumentiert wenig sorgfältige Pflege. Es gibt jedoch noch viele andere Merkmale, die Alter suggerieren, so z.B. Totholzbereiche, die an extreme Standorte in den Bergen oder an der Küste erinnern.